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136 Invalidenschulung
fizierung für das individuelle berufliche Fortkommen unverzichtbar war, und ging –
einem durchaus optimistischen Menschenbild folgend – von der grundsätzlichen
Bildungsfähigkeit auch bildungsferner Schichten aus. Ja, sie war sogar in der Lage,
Personen ganz real auf höhere gesellschaftliche Positionen zu platzieren. Solche Fälle
des sozialen Aufstiegs wurden – wenngleich sie die Ausnahme blieben – tatsächlich
beobachtet.145
4.5 Militärische versus zivile Interessen
Die Schulung war grundsätzlich auf die zivile Zukunft der Kriegsbeschädigten aus-
gerichtet und sollte die Betroffenen für das Erwerbsleben jenseits des Militärdienstes
wieder fit machen. Das Militär hingegen, das diese Schulung (mit)finanzierte, folgte
einer anderen Logik : Mit der Kriegsführung beschäftigt, war es zwangsläufig daran
interessiert, Kriegsbeschädigte nach Möglichkeit rasch wieder unter die aktiven Sol-
daten zu reihen. Hier war ein fundamentaler Konflikt zwischen zwei gleichermaßen
staatlichen, aber doch gegenläufigen Interessen angelegt : Neben den volkswirtschaft-
lichen Überlegungen musste der Staat, insbesondere sein „militärischer Zweig“, wäh-
rend des Krieges zugleich größtes Interesse daran haben, die Wehrkraft zu erhalten,
die Kriegsbeschädigten also als Soldaten und nicht als werktätige Bürger wiederherzu-
stellen. Es mag zwar so sein, dass auch die Wiederherstellung von Soldaten gewisse
medizinische und therapeutische Maßnahmen erforderte, die berufliche Rehabili-
tation konnte dem Militär aber kein Anliegen sein. In diesem Bereich der sozialen
Kriegsbeschädigtenfürsorge geriet die zivilstaatliche Perspektive (vertreten durch die
Landeskommissionen, das Ministerium des Innern, bzw. ab 1918 das Ministerium für
soziale Fürsorge) mit den militärischen Absichten wiederholt in Konflikt.
Das Militär, das ja bis zur endgültigen Superarbitrierung die Befehlsgewalt auch
über kriegsbeschädigte Soldaten inne hatte, scheute nicht davor zurück, Männer aus
Invalidenkursen herauszureißen und erneut in militärische Dienste zu stellen, sobald
das durch ärztliche Gutachten gerechtfertigt schien. Die Fluktuation unter den Teil-
nehmern der Invalidenschulungen146 war deshalb ein ständig wiederkehrender Anlass
für Unstimmigkeiten und schien viele Anstrengungen der Landeskommissionen zu-
nichte zu machen.147
145 Deutsch, Berufsberatung, S. 58.
146 K.k. Ministerium für soziale Fürsorge, Mitteilungen, 1918, S. 130.
147 Dazu auch Schacherl im Abgeordnetenhaus ; Sten. Prot. AH RR, XXII. Session, 54. Sitzung v.
30.1.1918, S. 2953ff.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918