Page - 161 - in Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Image of the Page - 161 -
Text of the Page - 161 -
161Schwierigkeiten
in der Praxis
auch häufig unter dem Begriff der Berufsfürsorge firmierte. Wie die berufliche Schu-
lung war also auch die Arbeitsvermittlung – bezogen auf Kriegsbeschädigte – nicht
sosehr eine arbeitsmarktpolitische als vielmehr – und wie sich zeigen wird, sogar
ganz besonders – eine Fürsorgemaßnahme. Zwar wurden die von den Arbeitsvermitt-
lungsbüros, respektive Fürsorgeausschüssen, ausbezahlten Unterstützungen immer als
Überbrückungsmaßnahme bis zur ersten Lohnzahlung deklariert, doch aus vielerlei
Gründen, die im Folgenden noch ausgeführt werden, kamen Kriegsbeschädigte oft gar
nicht in den Genuss einer solchen ersten Lohnzahlung, weil sie nie auf einen Arbeits-
platz vermittelt wurden.
5.2 Schwierigkeiten in der Praxis
Jenseits aller praktischer Probleme, mit denen die k. k. Arbeitsvermittlung an Kriegs-
invalide als neu geschaffener, aber weder mit dem notwendigen Budget noch Perso-
nal bestückter Verwaltungskörper zu kämpfen hatte – Probleme, die die Arbeitsver-
mittlung mit den Landeskommissionen teilte –, gab es auch genügend strukturelle
Faktoren, die an sich schon ausgereicht hätten, um die Funktionsfähigkeit der Büros
immer wieder auf eine harte Probe zu stellen. Zu diesen gehörte einerseits die spezielle
Situation eines von der Kriegswirtschaft geprägten Arbeitsmarktes, auf dem Arbeits-
kräfte zwar durchaus nachgefragt waren, der aber zugleich in seinem industriell-ge-
werblichen Sektor eine einseitige Ausrichtung auf die Rüstungsindustrie erlebte und
mehr und mehr unter dem Rohstoffmangel litt. Andererseits war die Beschaffenheit
der Klientel selbst auch ein solcher Faktor. Kriegsbeschädigte waren nämlich nicht nur
ihrer körperlichen Gebrechen wegen schwer vermittelbare Arbeitskräfte.
Die Vermittlungsquoten ergeben zunächst ein äußerst heterogenes Bild, waren sie
doch von Kronland zu Kronland sehr verschieden. Selbst in der Stadt Wien, die beson-
ders gute Zahlen aufwies und wo 1916 und 1917 knapp über 50 % der Kriegsbeschädigten
vermittelt werden konnten,26 waren die Verantwortlichen unzufrieden, da diese Ziffern
die Erfolgszahlen jener Büros, deren Aktivitäten nicht auf Kriegsbeschädigte beschränkt
waren, doch deutlich unterschritten. Ab Mitte 1918 und besonders nach Kriegsende
konnte wegen der ungünstigen Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt selbst diese Quote
nicht mehr erzielt werden. In Böhmen wurden nur zwischen 20 und 35 % der kriegsbe-
26 1915 : 44,4 %, 1916 : 52,6 % ; ebd., Kt. 1356, 1764/1918 ; 1917 : 51,8 % ; ebd., Kt. 1356, 1490/1918. Nur
die Landesstelle Graz hatte mit Wien vergleichbare Raten zu melden : 1916 : 62 %, 1917 : 87,6 % ; ebd.,
Kt. 1358, 6404/1918.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918