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167Schwierigkeiten
in der Praxis
Staatsanstellungen oder Tabaktrafiken55 interessiert.56 Nach Ansicht der Verantwort-
lichen galt es aber, den Betroffenen klarzumachen, dass sie eines „richtigen“ Berufes
bedurften, um eine erfolgreiche Reintegration zu erfahren.57
Möglicherweise war – wenn man vom spezifischen Merkmal der Kriegsbeschädi-
gung absieht – die Gruppe der Kriegsbeschädigten, mit der die Arbeitsvermittlung
konfrontiert war, also eine pauperisierte Unterschicht, gar nicht so verschieden von
jener verelendeten mobilen Unterschicht, die es schon vor dem Krieg gegeben hatte,
ohne dass sie damals jenes akzentuierte Interesse der Behörden auf sich gezogen hätte.
Das Faktum der Kriegsbeschädigung machte diese Menschen aber nun viel eindeu-
tiger zu Objekten staatlicher Aufmerksamkeit und Fürsorge, hatten sie – denen man
Schuld für ihre Lage nur sehr eingeschränkt zuschreiben konnte – die Unterstützung
doch so offensichtlich „verdient“. Dass diese Auffassung in auffallendem Widerspruch
stand zu jener immer noch üblichen abschätzigen Haltung den „unwürdigen“ Armen
gegenüber, durchzog wie ein roter Faden nicht nur die Äußerungen aus dem Bereich
der Arbeitsvermittlung, sondern aus dem gesamten Bereich der Kriegsbeschädigten-
fürsorge. Die Charakterisierung von Kriegsbeschädigten als Unterschichtsangehö-
rige und die Beschreibung realer Verelendung ging in manchen Aussagen direkt in
moralische Abwertung über. Der Amtsleiter des Wiener Büros etwa begründete die
Probleme seiner Einrichtung kurz und bündig so : „Die Landesstelle bekommt nur
das schlechteste Material, den Abschaum der Invaliden, zur Vermittlung“ ; alle nur
irgendwie vermittelbaren Kriegsbeschädigten würden direkt von den Spitälern und
Rekonvaleszentenheimen weg engagiert, nur „der Rest, der als der moralisch schlech-
teste zu bezeichnen ist“, wende sich an die k. k. Arbeitsvermittlung an Kriegsinvalide.58
Diese war aber – und darüber dürften die Verantwortlichen wohl nicht ganz un-
glücklich gewesen sein – nicht die allerletzte Anlaufstelle für Kriegsbeschädigte : Jene
Männer, deren berufliche Reintegration ganz ausgeschlossen schien, konnten in Wien
an die Gesellschaft zur Fürsorge für Kriegsinvalide59 weiter verwiesen werden. Mit dem
55 Österreichische Bezeichnung der Verkaufsstellen für Produkte des staatlichen Tabakmonopols. Vgl. auch
Kapitel 12.2.
56 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1363, 26460/1918, Beratung der Bezirks-Fürsorgestellen des Landes
Salzburg, Protokoll v. 9.9.1918.
57 Hans Spitzy, Orthopädisches Spital und Invalidenschulen (= Sonderabdruck aus „Viribus unitis“ Öster-
reich-Ungarn und der Weltkrieg), Wien 1914, S. 113–118, S. 115 : „Nicht eine Barmherzigkeitsanstel-
lung soll angestrebt und erreicht werden, sondern die Ausbildung in irgendeinem Zweige seines früheren
Berufes […], Bezahlung der Arbeit ohne Einschlag einer humanitären Komponente“.
58 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1359, 8246/1918, Protokoll der Sitzung des Arbeitsausschusses der k. k.
Arbeitsvermittlung/Landesstelle Wien v. 4.3.1918, S. VI.
59 Die Gesellschaft residierte zuerst in Wien I, Augustengasse 2, und später in Wien I, Habsburgergasse
5. Sie gab die Zeitschrift für Invalidenschutz heraus und stand unter dem Ehrenschutz des Fürsten von
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918