Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geschichte
Nach 1918
Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Page - 167 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 167 - in Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938

Image of the Page - 167 -

Image of the Page - 167 - in Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938

Text of the Page - 167 -

167Schwierigkeiten in der Praxis Staatsanstellungen oder Tabaktrafiken55 interessiert.56 Nach Ansicht der Verantwort- lichen galt es aber, den Betroffenen klarzumachen, dass sie eines „richtigen“ Berufes bedurften, um eine erfolgreiche Reintegration zu erfahren.57 Möglicherweise war  – wenn man vom spezifischen Merkmal der Kriegsbeschädi- gung absieht  – die Gruppe der Kriegsbeschädigten, mit der die Arbeitsvermittlung konfrontiert war, also eine pauperisierte Unterschicht, gar nicht so verschieden von jener verelendeten mobilen Unterschicht, die es schon vor dem Krieg gegeben hatte, ohne dass sie damals jenes akzentuierte Interesse der Behörden auf sich gezogen hätte. Das Faktum der Kriegsbeschädigung machte diese Menschen aber nun viel eindeu- tiger zu Objekten staatlicher Aufmerksamkeit und Fürsorge, hatten sie  – denen man Schuld für ihre Lage nur sehr eingeschränkt zuschreiben konnte  – die Unterstützung doch so offensichtlich „verdient“. Dass diese Auffassung in auffallendem Widerspruch stand zu jener immer noch üblichen abschätzigen Haltung den „unwürdigen“ Armen gegenüber, durchzog wie ein roter Faden nicht nur die Äußerungen aus dem Bereich der Arbeitsvermittlung, sondern aus dem gesamten Bereich der Kriegsbeschädigten- fürsorge. Die Charakterisierung von Kriegsbeschädigten als Unterschichtsangehö- rige und die Beschreibung realer Verelendung ging in manchen Aussagen direkt in moralische Abwertung über. Der Amtsleiter des Wiener Büros etwa begründete die Probleme seiner Einrichtung kurz und bündig so : „Die Landesstelle bekommt nur das schlechteste Material, den Abschaum der Invaliden, zur Vermittlung“ ; alle nur irgendwie vermittelbaren Kriegsbeschädigten würden direkt von den Spitälern und Rekonvaleszentenheimen weg engagiert, nur „der Rest, der als der moralisch schlech- teste zu bezeichnen ist“, wende sich an die k. k. Arbeitsvermittlung an Kriegsinvalide.58 Diese war aber  – und darüber dürften die Verantwortlichen wohl nicht ganz un- glücklich gewesen sein  – nicht die allerletzte Anlaufstelle für Kriegsbeschädigte : Jene Männer, deren berufliche Reintegration ganz ausgeschlossen schien, konnten in Wien an die Gesellschaft zur Fürsorge für Kriegsinvalide59 weiter verwiesen werden. Mit dem 55 Österreichische Bezeichnung der Verkaufsstellen für Produkte des staatlichen Tabakmonopols. Vgl. auch Kapitel 12.2. 56 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1363, 26460/1918, Beratung der Bezirks-Fürsorgestellen des Landes Salzburg, Protokoll v. 9.9.1918. 57 Hans Spitzy, Orthopädisches Spital und Invalidenschulen (= Sonderabdruck aus „Viribus unitis“ Öster- reich-Ungarn und der Weltkrieg), Wien 1914, S.  113–118, S.  115 : „Nicht eine Barmherzigkeitsanstel- lung soll angestrebt und erreicht werden, sondern die Ausbildung in irgendeinem Zweige seines früheren Berufes […], Bezahlung der Arbeit ohne Einschlag einer humanitären Komponente“. 58 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1359, 8246/1918, Protokoll der Sitzung des Arbeitsausschusses der k. k. Arbeitsvermittlung/Landesstelle Wien v. 4.3.1918, S.  VI. 59 Die Gesellschaft residierte zuerst in Wien I, Augustengasse 2, und später in Wien I, Habsburgergasse 5. Sie gab die Zeitschrift für Invalidenschutz heraus und stand unter dem Ehrenschutz des Fürsten von
back to the  book Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938"
Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Die Wundes des Staates
Subtitle
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Authors
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2015
Language
German
License
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
586
Categories
Geschichte Nach 1918
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Die Wundes des Staates