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191Reorganisation
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durch einen Betrauten zuhause ausgefragt. Auch wurde überall ein glaubwürdiger Gewährs-
mann gesucht, um uns über alles an Ort und Stelle Aufzuklärende ein Bild zu geben.“98
Der Kriegsbeschädigte wurde besonders nach seinen Zukunftswünschen befragt und
–
nach Durcharbeitung der Fälle mit Fachleuten – entweder in seinem Vorhaben unter-
stützt oder von seiner „unrichtigen Idee abzubringen gesucht“.99
„Diese paar Hundert Probefälle haben ein interessantes statistisches Ergebnis gehabt. Es
zeigte sich, dass kaum einige Fälle kategorienweise gruppiert, chablonenmässig [sic] erledigt
werden können, fast jeder Fall hat sozusagen eine mehr oder weniger starke Individualität. Es
spielen so viele Kriterien mit, dass aus ihrem Zusammenspiele, dem Zusammenspiel der, der
betreffenden Gegend eigenen allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse und Konjunkturen,
der Familienverhältnisse, des Alters, Gesundheitszustandes, der geistigen Fähigkeit, der Mo-
ral der einzelnen Familienmitglieder, der Vermögensverhältnisse, des Stadiums, in dem sich
gewisse Angelegenheiten der Familie z. B. Prozesse, Erbschaften, u.s.w. befinden, immer und
immer wieder ein anderes Gesamtbild entsteht und zwar ein lebendiges Bild, welches sich
weiter entwickelt, welches in einer Weise gelöst zu werden verlangt, die wohl nach Ablauf
eines gewissen Zeitraumes nicht mehr angebracht wären [sic]. Es handelt sich da um die
verschiedensten Möglichkeiten, um einem Invaliden und seiner Familie auf die Füsse zu
helfen : denn das Ziel muss unseres Erachtens das sein : der Familie eine solche Situation zu
schaffen, in der und aus der heraus ein gesichertes und möglichst erspriessliches Weiterle-
ben gesichert erscheint, also eigentlich ein gesichertes Vermögensminimum, wobei natürlich
nicht nur Geld, oder was man Geldeswert nennt, als Kapital zu betrachten ist, aber jedenfalls
auch die Arbeit, die Arbeitskraft der Familie.“100
Obwohl man annehmen könnte, dass ein derart zeitaufwendiges und kostspieliges
Fürsorgemodell dazu verurteilt war, als utopistische Idee abgetan zu werden, kam
das ungarische Kriegsfürsorgeamt durch die „praktische Probe“101 zum Schluss, dass
diese Methode die einzig richtige sei, wenn man eine möglichst große Zahl von Fäl-
len zufriedenstellend – und das hieß auch : endgültig – lösen wollte, und „dass man
eigentlich auch keine Zeit verschwendet, wenn man dieselbe anstatt zur Ausarbeitung
doktrinärer Pläne, dazu benützt, gleich frisch einen Fall nach dem anderen in Arbeit
zu nehmen, zu lösen und dann weiterzugehen.“102 Wichtig erschien vor allem, den
98 Ebd., S. 2.
99 Ebd., S. 5.
100 Ebd., S. 3f.
101 Ebd., S. 6.
102 Ebd., S. 6.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918