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Nach 1918
Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
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195Selbstermächtigung : Die Entstehung einer Gruppe Zwei weiteren Zusammenschlüssen, von denen man nicht bloß durch retrospek- tive Berichte weiß, sondern weil sie bereits im Sommer 1918 aktenkundig wurden, begegnete die Obrigkeit mit weniger Misstrauen : Im Juli dieses Jahres erhielt das Ministerium für soziale Fürsorge Nachricht davon, dass sich am 29. Juni anlässlich eines Invalidentages in Lustenau „zur Bildung einer eigenen Vereinigung […] fast alle Invaliden des grossen Marktes“ zusammengefunden hatten. Am Nachmittag waren sie gemeinsam mit ihren Vertrauensmännern vom Silbernen Kreuz  – Pfarrer, Schul- leiter und Obmann  – in den Gasthof Adler gekommen, um den Ausführungen des Kriegsbeschädigten Hermann Hämmerle zu lauschen, der Ziel und Zweck des Zu- sammenschlusses darlegte. Sie „zeigten sich über ihre neue Vereinigung […], sehr [er] freut“. Der Berichterstatter schloss wohlwollend : „Möge dieses Pflänzchen auf dem Acker der Invalidenorganisation unseres Landes, betraut vom Segen des Weltenlen- kers, sich entwickeln und Früchte tragen.“ Das Ministerium, das ähnliche Meldungen aus Deutschland ebenfalls interessiert registrierte,6 nahm die Darstellung zur Kennt- nis und beschloss, sie aufzubewahren, bis ein größerer Überblick über die „Invaliden- vereinigungsbestrebungen“ gewonnen sein würde.7 schädigtenbewegung im ehemaligen Oesterreich-Ungarn, in : Der Invalide, Nr. 11 v. November 1928, S.  18. Verstreut gibt es auch andere Hinweise auf Vereinigungsbestrebungen schon während des Krieges. In einer deutschen Zeitung hieß es Mitte 1918 : „Kommt der Friede […] so werden die verschiedenen Kriegsbeschä- digten-Organisationen heftig aufeinanderplatzen, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, wo freilich jetzt erst ein Zusammenschluß der Kriegsteilnehmer vorbereitet wird“ ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1362, 17299/1918, „Kriegsbeschädigten-Gewerkschaften“, in : Der Friede, Nr. 24 v. 5.7.1918, S.  573. Zu nennen ist auch die Erwähnung eines Hilfsvereins der Kriegsinvaliden in Wien, der „einige 100 Mitglieder“ gehabt haben soll, aber sonst „ganz farblos“ war ; Rupert Kainradl, Vor zehn Jahren. Aus den Anfängen der Kriegsopferbewegung, in : Neues Werden. Offizielles Organ des Landesverbandes Niederösterreich der Kriegsinvaliden und Kriegershinterbliebenen, Nr. 6/7 v. Juni/Juli 1928, S.  1–8, hier S.  2. Kainradl betont auch die Vorreiterrolle der schon während des Krieges gebildeten Kriegsbeschädigtengenossenschaften, die aller- dings alle auf die Initiative nicht-kriegsbeschädigter Personen zurückgingen, und erwähnt ausdrücklich diese Publikation : Hans Payer, Invalidenelend, Staat und Gesellschaft. Ein Aufruf zur Gründung von Kriegsinva- liden-Erwerbs-Genossenschaften, Wien-Leipzig 1916. Von Oberösterreich ist ein im Frühjahr geschaffener Bund der Kriegsinvaliden Oberösterreichs überliefert, der jedoch „keine bedeutende Stellung erlangen“ konnte ; Ludwig Poitner, Dokumentation 50 Jahre Oberösterreichischer Kriegsopferverband, Linz 1969, S.  36. 6 Aktenvermerk v. 12.7.1918 zu einem deutschen Zeitungsartikel : „Bemerkenswert ist aus diesem Auf- satze nicht nur die Mitteilung über die Bewegung zugunsten der gesetzlichen Festlegung des sogenann- ten Anstellungszwanges, sondern auch das Bild von der Entstehung von verschiedentlichen Bestre- bungen der in Deutschland auftretenden Organisationen von Kriegsbeschädigten“ ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1362, 17299/1918. 7 Alle Zitate dieses Absatzes : Ebd., Kt. 1361, 16575/1918. Die Dornbirner Kriegsbeschädigten dürften jenen von Lustenau noch voran gegangen sein, denn es heißt im Bericht der Arbeitsvermittlungsstelle Feldkirch wörtlich : „Wie in Dornbirn fanden sich auch in Lustenau die Invaliden zur Bildung einer eigenen Vereinigung zusammen“ ; ebd.
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Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Die Wundes des Staates
Subtitle
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Authors
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2015
Language
German
License
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
586
Categories
Geschichte Nach 1918
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