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195Selbstermächtigung
: Die Entstehung einer Gruppe
Zwei weiteren Zusammenschlüssen, von denen man nicht bloß durch retrospek-
tive Berichte weiß, sondern weil sie bereits im Sommer 1918 aktenkundig wurden,
begegnete die Obrigkeit mit weniger Misstrauen : Im Juli dieses Jahres erhielt das
Ministerium für soziale Fürsorge Nachricht davon, dass sich am 29. Juni anlässlich
eines Invalidentages in Lustenau „zur Bildung einer eigenen Vereinigung […] fast alle
Invaliden des grossen Marktes“ zusammengefunden hatten. Am Nachmittag waren
sie gemeinsam mit ihren Vertrauensmännern vom Silbernen Kreuz – Pfarrer, Schul-
leiter und Obmann – in den Gasthof Adler gekommen, um den Ausführungen des
Kriegsbeschädigten Hermann Hämmerle zu lauschen, der Ziel und Zweck des Zu-
sammenschlusses darlegte. Sie „zeigten sich über ihre neue Vereinigung […], sehr [er]
freut“. Der Berichterstatter schloss wohlwollend : „Möge dieses Pflänzchen auf dem
Acker der Invalidenorganisation unseres Landes, betraut vom Segen des Weltenlen-
kers, sich entwickeln und Früchte tragen.“ Das Ministerium, das ähnliche Meldungen
aus Deutschland ebenfalls interessiert registrierte,6 nahm die Darstellung zur Kennt-
nis und beschloss, sie aufzubewahren, bis ein größerer Überblick über die „Invaliden-
vereinigungsbestrebungen“ gewonnen sein würde.7
schädigtenbewegung im ehemaligen Oesterreich-Ungarn, in : Der Invalide, Nr. 11 v. November 1928, S. 18.
Verstreut gibt es auch andere Hinweise auf Vereinigungsbestrebungen schon während des Krieges. In einer
deutschen Zeitung hieß es Mitte 1918 : „Kommt der Friede […] so werden die verschiedenen Kriegsbeschä-
digten-Organisationen heftig aufeinanderplatzen, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, wo
freilich jetzt erst ein Zusammenschluß der Kriegsteilnehmer vorbereitet wird“ ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb,
Kt. 1362, 17299/1918, „Kriegsbeschädigten-Gewerkschaften“, in : Der Friede, Nr. 24 v. 5.7.1918, S. 573. Zu
nennen ist auch die Erwähnung eines Hilfsvereins der Kriegsinvaliden in Wien, der „einige 100 Mitglieder“
gehabt haben soll, aber sonst „ganz farblos“ war ; Rupert Kainradl, Vor zehn Jahren. Aus den Anfängen
der Kriegsopferbewegung, in : Neues Werden. Offizielles Organ des Landesverbandes Niederösterreich der
Kriegsinvaliden und Kriegershinterbliebenen, Nr. 6/7 v. Juni/Juli 1928, S.
1–8, hier S.
2. Kainradl betont auch
die Vorreiterrolle der schon während des Krieges gebildeten Kriegsbeschädigtengenossenschaften, die aller-
dings alle auf die Initiative nicht-kriegsbeschädigter Personen zurückgingen, und erwähnt ausdrücklich diese
Publikation : Hans Payer, Invalidenelend, Staat und Gesellschaft. Ein Aufruf zur Gründung von Kriegsinva-
liden-Erwerbs-Genossenschaften, Wien-Leipzig 1916. Von Oberösterreich ist ein im Frühjahr geschaffener
Bund der Kriegsinvaliden Oberösterreichs überliefert, der jedoch „keine bedeutende Stellung erlangen“ konnte ;
Ludwig Poitner, Dokumentation 50 Jahre Oberösterreichischer Kriegsopferverband, Linz 1969, S. 36.
6 Aktenvermerk v. 12.7.1918 zu einem deutschen Zeitungsartikel : „Bemerkenswert ist aus diesem Auf-
satze nicht nur die Mitteilung über die Bewegung zugunsten der gesetzlichen Festlegung des sogenann-
ten Anstellungszwanges, sondern auch das Bild von der Entstehung von verschiedentlichen Bestre-
bungen der in Deutschland auftretenden Organisationen von Kriegsbeschädigten“ ; AT-OeStA/AdR
BMfsV Kb, Kt. 1362, 17299/1918.
7 Alle Zitate dieses Absatzes : Ebd., Kt. 1361, 16575/1918. Die Dornbirner Kriegsbeschädigten dürften
jenen von Lustenau noch voran gegangen sein, denn es heißt im Bericht der Arbeitsvermittlungsstelle
Feldkirch wörtlich : „Wie in Dornbirn fanden sich auch in Lustenau die Invaliden zur Bildung einer
eigenen Vereinigung zusammen“ ; ebd.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918