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198 Die Organisierung der Kriegsbeschädigten
um so attribuierte Personen zu Gruppierungen von nennenswerter Größe zusam-
menzufassen. Damit stellt sich aber die Frage, welcher Bedarf eigentlich durch die
Gründung von Organisationen gedeckt, welches Bedürfnis befriedigt wurde und wie
es sich mit dem Merkmal „Kriegsbeschädigung“ genau verhielt. Reichte die Selbst-
zuschreibung oder bedurfte es einer objektiven Definition ? Anders gefragt : War man
Kriegsbeschädigter oder wurde man zum Kriegsbeschädigten erklärt ? Das eine – die
Selbstzuschreibung – muss wohl mit dem anderen – der Definition – in einem en-
gen Zusammenhang stehen, aber es muss nicht deckungsgleich sein. Denn wenn
eine Organisation gegründet wurde, um Rechte einzufordern, dann ist die Frage, wer
hier eigentlich vertreten werden soll, wichtiger, als wenn eine Vereinsgründung etwa
bloß dem Wunsch nach Brauchtumspflege entsprang. Ganz entscheidend ist auch die
Frage, ob das Attribut „Kriegsbeschädigung“ andere Zuschreibungen wie Stand oder
Geschlecht relativierte oder gar aufhob oder ob es bloß ein weiteres darstellte. Und
schließlich gilt es auch, den Staat und die Gesellschaft im Auge zu behalten, innerhalb
derer die Organisierung stattfand. Wie wirkte es sich auf die Art der Organisierung
aus, wenn ein Land nach dem Krieg zu den Siegermächten gehörte, wie, wenn es
umgekehrt auf der Seite der Verlierer stand ? Welche Bedeutung spielte die Rolle der
Armee im Frieden oder die Tatsache, dass – wie etwa in Österreich – das Kriegs-
ende mit einem fundamentalen Systembruch verbunden war ? Und wie beeinflusste
schließlich die Art und Weise, in der ein Staat seine Kriegsbeschädigtenversorgung
aufbaute, oder die Tatsache, welchen Platz er den Vereinen im Rahmen seiner Für-
sorgebürokratie gab, die Mobilisierung der Kriegsbeschädigten ? Vom Wechselspiel all
dieser Faktoren hing es ab, welches Gewicht Kriegsbeschädigtenorganisationen in den
jeweiligen Nachkriegsgesellschaften erlangen, welche Rolle sie bei der Integration der
Kriegsbeschädigten in diese Gesellschaften spielen und welches Potenzial sie entwi-
ckeln konnten, ihre Mitglieder zu mobilisieren und mit einer wie immer gearteten
kollektiven Identität auszustatten.14
Dass dem Bedarf nach Vereinigung unter den so verschiedenartigen Nachkriegs-
bedingungen sehr unterschiedlich entsprochen wurde, zeigt sich rein äußerlich schon
daran, dass es vielfach gemischte Organisationen gab : In manchen Ländern schlos-
sen sich Kriegsbeschädigte und Veteranen zusammen ; in anderen bildeten Kriegsbe-
schädigte mit Kriegshinterbliebenen gemeinsame Gruppen. Die Vereinigungen sahen
nicht zufällig einmal so und einmal anders aus, waren sie doch meist Ergebnis des
gesellschaftlichen, politischen und sozialen Umfelds, in welchem sie sich gründeten.
Das Merkmal der Kriegsbeschädigung erhielt so je nach Kontext einen anderen Stel-
14 Siehe dazu allgemein Wolf Donner, Die sozial- und staatspolitische Tätigkeit der Kriegsopferverbände.
Ein Beitrag zur Verbandsdiskussion (= Sozialpolitische Schriften 11), Berlin 1960.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918