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208 Die Organisierung der Kriegsbeschädigten
sierte jedenfalls stark und erregte bei Versammlungen von Kriegsbeschädigten wieder-
holt derartigen Unmut, dass er sogar tätlich angegriffen wurde.75 Im Ständestaat trat
er als Vorstand der Fachgruppe für Schwerkriegsbeschädigte im Kriegsopferverband
erneut hervor. Auch als Leiter der Musiksektion dieses ständestaatlichen Kriegsopfe-
reinheitsverbandes war er wohlgelitten.76
Der erste Präsident des Zentralverbandes, Johann Jakob Hollitscher, war eine nicht
weniger schillernde Persönlichkeit. „Ein Mann mit glänzender Rednergabe, aber ziem-
lich verworrenen Organisationsideen“,77 beschreibt ihn ein früher Mitstreiter. Der
1875 geborene, selbst kriegsbeschädigte78 Jurist war wahrscheinlich der einzige Aka-
demiker79 unter den ersten Funktionären des Verbandes und wie Gallos in den frühen
1920er-Jahren ebenfalls in Spaltungsbewegungen verstrickt. Er trat im April 1919 als
Präsident des Verbandes zurück80 und leitete ein Jahr lang einen Konkurrenzverein,81
ehe er wieder zum Zentralverband zurückkehrte. Über seine politische Orientierung
in den Nachkriegsjahren ist wenig bekannt, anfangs war er im Rahmen der Invaliden-
bewegung sehr aktiv, ab 1923 dürfte er sich stärker seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt
gewidmet haben. Im Biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration wird
der aufgrund seiner jüdischen Herkunft nach dem Anschluss in die Schweiz emig-
rierte Hollitscher als „Legitimist“ geführt.82 Als Mitarbeiter des viel jüngeren Guido
Anfang 1924 von seiner Funktion als Obmann zurück ; ebd. Zu den Unregelmäßigkeiten im Verband vgl.
auch Wienbibliothek, Tagblattarchiv, Mappe : Kriegsinvalide 1917–1918, „Milliardenbetrügereien beim
Schwerinvalidenverband“, in : Der Tag v. 8.3.1924.
75 Z. B. „Unerhörte Korruption. Was sich Gallos erlauben darf“, in : Der Invalide, Nr. 2 v. 1.10.1923, S. 3f.
Auch ein anderer Kriegsbeschädigtenverein, die kleine Reichsvereinigung der Kriegsinvaliden, Witwen und
Waisen Österreichs (zu diesem Verein vgl. Kapitel 9.1) mokierte sich über „Die hilflose Tischgesellschaft
Gallos & Co.“, in : Der österreichische Kriegsinvalide, Nr. 10 v. November 1922, S. 2.
76 „Kamerad Gallos feiert seinen sechzigsten Geburtstag“, in : Österreichische Kriegsopfer-Zeitung.
Hauptblatt des österreichischen Kriegsopfer-Verbandes, Nr. 1/2 v. Jänner/Februar 1935, S. 18. „Die Ge-
burtstagsfeier des Kam. Heinrich Gallos“, in : ebd., Nr. 3 v. März 1935, S. 2.
77 Rupert Kainradl, Vor zehn Jahren. Aus den Anfängen der Kriegsopferbewegung, in : Neues Werden, Nr.
6/7 v. Juni/Juli 1928, S. 1–8, hier S. 4.
78 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1559, Sa 46, 25160/1919, Heinrich Gallos, An die Invaliden
Deutschösterreichs !, v. September 1919.
79 Johann Jakob Hollitscher (*26.9.1875 Nikolsburg/Mikulov, †10.3.1947 Zürich), Dr. jur. und Dr. phil.,
Promotion 1914. Zu Hollitscher siehe Werner Röder/Herbert A. Strauss (Hg.), Biographisches Hand-
buch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, Bd. 1–3, München u. a. 1980–1983 ; Historisches
Lexikon der Schweiz. Kainradl sagte allerdings in der Rückschau über die Anfangszeit : „Es wimmelte
damals von Doktoren bei uns“ ; Rupert Kainradl, Wie wir die Ortsgruppe Wien gründeten. Aus alten
Protokollen, in : Der Invalide, Nr. 11 v. November 1928, S. 14 und S. 16, hier S. 16.
80 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1365, 10526/1919.
81 Vgl. dazu Kapitel 9.1.
82 Röder/Strauss, Biographisches Handbuch, Bd. 1, S. 565.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918