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Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
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209Der „Zentralverband“ Zernatto,83 Staatssekretär im Bundeskanzleramt und Generalsekretär der Vaterländi- schen Front, war Hollitscher in den 1930er-Jahren im Bundeskanzleramt tätig und zugleich in die Propagandatätigkeit der Vaterländischen Front eingebunden. Nach seiner Emigration pflegte er Verbindungen mit konservativen Widerstandskreisen in Österreich ;84 über eine Zusammenarbeit mit dem britischen Geheimdienst wird spe- kuliert. Hollitscher starb 1947 in Zürich. Trotz dieser definitiv nicht als sozialdemokratisch zu bezeichnenden Positionierung der ersten Führungsriege des Zentralverbandes ist ein Naheverhältnis des Vereins zur sozialdemokratischen Partei  – besonders wenn man seine weitere Entwicklung be- trachtet  – nicht von der Hand zu weisen. Auch ein Blick in den Invaliden bestätigt das : Einschlägige Werbeschaltungen,85 ausführliche Berichte über sozialdemokratische In- terventionen sowie eine allgemein Wien-freundliche Haltung bei gleichzeitiger Kri- tik der Bundespolitik86 kennzeichnen das Blatt. Die Mitglieder des Verbandes galten überwiegend als Sozialdemokraten, und viele seiner Funktionäre engagierten sich in der sozialdemokratischen Partei. Aber es gab eben immer auch andere. Der niederös- terreichische Landesverband etwa zählte für die Jahre 1926 und 1927 insgesamt 115 Kriegsbeschädigtenfunktionäre, die zugleich ein politisches Mandat (meist als Ge- meinderat) in Niederösterreich innehatten. 64 % von ihnen waren Sozialdemokraten, 25 % Christlichsoziale.87 Dennoch war der Zentralverband keine sozialdemokratische Gründung, wie das etwa für die erste große deutsche Vereinigung, den Reichsbund der Kriegsbeschädigten und ehemaligen Kriegsteilnehmer, galt. Der deutsche Verein war schon während des 83 Guido Zernatto (*1903, †1943), Politiker und Dichter, 1929 Sekretär des Heimatschutzes und später des Heimatblockes, 1934 Bundeskulturrat, ab Februar 1938 Minister ohne Portefeuille, führte 1936–1938 die Verhandlungen mit den Nationalsozialisten ; http://aeiou.iicm.tugraz.at/aeiou.encyclop.z/z443514. htm (Abfrage : 19.7.2011). 84 Er war Herausgeber der in Österreich illegalen Zeitschrift Der freie Österreicher. 85 Etwa für die GöC (Großeinkaufsgesellschaft für österreichische Consumvereine), für das im Eigentum der GöC stehende Wiener Kaufhaus Stafa (Staatsangestellten-Fürsorge-Anstalt) oder die Frauenzeit- schrift Die Unzufriedene. 86 Lob für das „rote Wien“, Kritik an der schwarzen Bundesregierung ; z. B. „Der Bund baut ab, die Ge- meinde baut auf“, in : Der Invalide, Nr. 3 v. Ende März 1927, S.  4 ; positive Berichte über eindeutig sozialdemokratische Organisationen ; z. B. „Ein Österreichischer Arbeitersamariterdienst“, in : ebd., Nr. 7 v. Juli 1927, S.  6. 87 Die restlichen 11 % verteilten sich auf die Großdeutschen, die Wirtschaftspartei, die Kommunisten und die Nationalsozialisten ; „Rechenschaftsbericht des Verbandsvorstandes und Verbandhauptaus- schusses für die Zeit vom 1. Jänner 1926 bis 31. Dezember 1927“, in : Neues Werden, Nr. 6/7 v. Juni/ Juli 1928, S.  8–32, hier S.  27. Die hohe Zahl der sozialdemokratischen Kriegsopferfunktionäre ist zusätzlich vor dem Hintergrund zu sehen, dass Niederösterreich bei Wahlen mehrheitlich christlichso- zial wählte.
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Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Die Wundes des Staates
Subtitle
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Authors
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2015
Language
German
License
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
586
Categories
Geschichte Nach 1918
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