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„Zentralverband“
Zernatto,83 Staatssekretär im Bundeskanzleramt und Generalsekretär der Vaterländi-
schen Front, war Hollitscher in den 1930er-Jahren im Bundeskanzleramt tätig und
zugleich in die Propagandatätigkeit der Vaterländischen Front eingebunden. Nach
seiner Emigration pflegte er Verbindungen mit konservativen Widerstandskreisen in
Österreich ;84 über eine Zusammenarbeit mit dem britischen Geheimdienst wird spe-
kuliert. Hollitscher starb 1947 in Zürich.
Trotz dieser definitiv nicht als sozialdemokratisch zu bezeichnenden Positionierung
der ersten Führungsriege des Zentralverbandes ist ein Naheverhältnis des Vereins zur
sozialdemokratischen Partei – besonders wenn man seine weitere Entwicklung be-
trachtet
– nicht von der Hand zu weisen. Auch ein Blick in den Invaliden bestätigt das :
Einschlägige Werbeschaltungen,85 ausführliche Berichte über sozialdemokratische In-
terventionen sowie eine allgemein Wien-freundliche Haltung bei gleichzeitiger Kri-
tik der Bundespolitik86 kennzeichnen das Blatt. Die Mitglieder des Verbandes galten
überwiegend als Sozialdemokraten, und viele seiner Funktionäre engagierten sich in
der sozialdemokratischen Partei. Aber es gab eben immer auch andere. Der niederös-
terreichische Landesverband etwa zählte für die Jahre 1926 und 1927 insgesamt 115
Kriegsbeschädigtenfunktionäre, die zugleich ein politisches Mandat (meist als Ge-
meinderat) in Niederösterreich innehatten. 64 % von ihnen waren Sozialdemokraten,
25 % Christlichsoziale.87
Dennoch war der Zentralverband keine sozialdemokratische Gründung, wie das
etwa für die erste große deutsche Vereinigung, den Reichsbund der Kriegsbeschädigten
und ehemaligen Kriegsteilnehmer, galt. Der deutsche Verein war schon während des
83 Guido Zernatto (*1903, †1943), Politiker und Dichter, 1929 Sekretär des Heimatschutzes und später des
Heimatblockes, 1934 Bundeskulturrat, ab Februar 1938 Minister ohne Portefeuille, führte 1936–1938
die Verhandlungen mit den Nationalsozialisten ; http://aeiou.iicm.tugraz.at/aeiou.encyclop.z/z443514.
htm (Abfrage : 19.7.2011).
84 Er war Herausgeber der in Österreich illegalen Zeitschrift Der freie Österreicher.
85 Etwa für die GöC (Großeinkaufsgesellschaft für österreichische Consumvereine), für das im Eigentum
der GöC stehende Wiener Kaufhaus Stafa (Staatsangestellten-Fürsorge-Anstalt) oder die Frauenzeit-
schrift Die Unzufriedene.
86 Lob für das „rote Wien“, Kritik an der schwarzen Bundesregierung ; z. B. „Der Bund baut ab, die Ge-
meinde baut auf“, in : Der Invalide, Nr. 3 v. Ende März 1927, S. 4 ; positive Berichte über eindeutig
sozialdemokratische Organisationen ; z. B. „Ein Österreichischer Arbeitersamariterdienst“, in : ebd., Nr. 7
v. Juli 1927, S. 6.
87 Die restlichen 11 % verteilten sich auf die Großdeutschen, die Wirtschaftspartei, die Kommunisten
und die Nationalsozialisten ; „Rechenschaftsbericht des Verbandsvorstandes und Verbandhauptaus-
schusses für die Zeit vom 1. Jänner 1926 bis 31. Dezember 1927“, in : Neues Werden, Nr. 6/7 v. Juni/
Juli 1928, S. 8–32, hier S. 27. Die hohe Zahl der sozialdemokratischen Kriegsopferfunktionäre ist
zusätzlich vor dem Hintergrund zu sehen, dass Niederösterreich bei Wahlen mehrheitlich christlichso-
zial wählte.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918