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211Der
„Zentralverband“
nach einem Jahr im Rückblick festgestellt wurde – „der in den Invaliden schon lange
schlummernde Organisationsgedanke endlich erwachte“.92
Von der Gründung des Zentralverbandes dauerte es nun nicht einmal fünf Monate,
bis das mit Vertretern der Kriegsbeschädigten akkordierte Invalidenentschädigungs-
gesetz im Parlament eingebracht wurde. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses
zentralen und richtungsweisenden Nachkriegsgesetzes, am 25. April 1919, konnte der
Zentralverband den Erfolg zu Recht für sich verbuchen, war doch vieles, was dieses
Gesetz auszeichnete, auf die entschiedene Beharrlichkeit seiner Vereinsfunktionäre,
deren Durchsetzungskraft durch den Druck der Straße noch verstärkt worden war,
zurückzuführen. Das Gesetz diente dem Zentralverband auch, den kommunistischen
Bestrebungen unter den Kriegsbeschädigten den Wind aus den Segeln zu nehmen. In
diesem Punkt verfolgte der Verband die gleiche Politik wie die sozialdemokratische
Partei mit ihrer Flut an Sozialgesetzen in den ersten Nachkriegsmonaten.93 Das In-
validenentschädigungsgesetz bildete aber nicht nur den Abschluss eines intensiven
Ringens mit den Staatsstellen, sondern war auch Wendepunkt. Nachdem die erste
Forderung erfüllt war, traten neue Probleme auf den Plan.
92 Karl Grundei, Ein Jahr !, in : Der Invalide, Nr. 22 v. 15.11.1919, S. 1–3, hier S. 1.
93 Siehe Emmerich Tálos, Sozialgesetzgebung im Zeichen politischer Umbrüche. Ein Vergleich der sozi-
alpolitischen Entwicklung 1918–1920 und 1933–1938 in Österreich, in : Harald Steindl (Hg.), Wege
zur Arbeitsrechtsgeschichte (= Ius commune : Sonderhefte, Texte und Monographien 20), Frankfurt/M.
1984, S. 415–439. Karin M. Schmidlechner, Arbeiterbewegung und revolutionäres Potential in Europa
am Ende des Ersten Weltkrieges : Die Situation in Österreich, in : Helmut Konrad/Karin M. Schmid-
lechner (Hg.), Revolutionäres Potential in Europa am Ende des Ersten Weltkrieges. Die Rolle von
Strukturen, Konjunkturen und Massenbewegungen, Wien-Köln 1991, S. 17–28.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918