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Nach 1918
Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
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Page - 219 - in Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938

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219Gesetz für Helden oder Gesetz für Märtyrer ? der Sozialpolitik  – nicht viele andere Bereiche zu finden gewesen sein, wo sich So- zialdemokraten und Christlichsoziale, ausgehend von so divergenten Haltungen, im Ergebnis dennoch treffen konnten. Dass der christlichsoziale Redner die „aktiven Die- ner“ als Zeugen gegen die vermeintliche Unterstellung, Kriegsbeschädigte seien „bloß“ Märtyrer, aufbrachte, ist gewiss kein Zufall, denn die CSP sah keine Notwendigkeit, in diesem Punkt zwischen den Veteranen und den Kriegsbeschädigten zu unterschei- den :30 Angehörige beider Gruppen hatten ihre Pflicht gegenüber einem System erfüllt, dessen Verschwinden die Partei keineswegs einhellig begrüßte. Zwar hatten bloß jene, die es in Ausübung dieser „patriotischen Pflicht“ weniger gut getroffen hatten  – die Kriegsbeschädigten  –, Anspruch auf staatliche Unterstützung, aber alle Kriegsteilneh- mer hatten nach Ansicht der CSP Anspruch auf die Ehrerbietung der Gemeinschaft. Die SdAP dagegen musste auf jene, die der untergegangenen Monarchie nachtrauer- ten, keinerlei Rücksicht nehmen, diese bildeten nicht ihre Klientel. Der Krieg konnte von den Sozialdemokraten uneingeschränkt abgelehnt werden, lediglich seine Opfer wollten sie abgefunden sehen. Deren Anspruch auf Entschädigung sahen sie nicht darin begründet, dass sie ihr „Blut für das Vaterland“ gegeben hatten, sondern schlicht in der staatlichen Verpflichtung, für die eigene Bevölkerung zu sorgen. Bemerkenswert ist aber auch, dass das Gegensatzpaar, anhand dessen die beiden Redner ihre Positionen zu veranschaulichen suchten, jenes von „Held“ und „Märtyrer“ ist, und nicht etwa jenes von „Held“ und „Opfer“ oder gar von „Held“ und „sinnlosem Opfer“. Der Märtyrer, der den Tod erleidet, um seine Ideale nicht zu verraten, ver- leiht dem Tod immer noch jenen über sich hinausweisenden Sinn, der dem Begriff des Opfers fehlt.31 Dem christlichsozialen Redner ging es  – so könnte man daher 30 Diese fehlende Differenzierung wird auch in jenem rechtskonservativen Organ deutlich, aus dem sich schließlich die Zeitung des christlichsozialen Kriegsopferverbandes entwickelte : Die Zeitschrift Soldat und Volk war bis August 1918 ein reines Veteranenorgan, dann änderte sie den Namen in Neues Leben. Zeitschrift für Heimkehrer, Invalide, Kriegerwitwen und -waisen. Der christlichsoziale Verband nahm Ve- teranen ebenso wie Kriegsbeschädigte als Mitglieder auf. Bei dem der SdAP nahestehenden Zentralver- band konnten hingegen nur Personen mit mindestens 15 % MdE bzw. Hinterbliebene von Gefallenen bzw. später verstorbenen Kriegsbeschädigten Mitglieder werden ; vgl. dazu Kapitel 7.1 und Kapitel 14. 31 Vgl. Kapitel 1.2 und zur Frage des Heldenkultes, zur Mythisierung des Heldentodes und zum Begriff des Märtyrers Sabine Behrenbeck, Der Kult um die toten Helden. Nationalsozialistische Mythen, Riten und Symbole 1923 bis 1945, Vierow bei Greifswald 1996. Behrenbeck meint, dass die Erfahrung des Massensterbens und der Niederlage nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland keineswegs zu einer Abwertung dieser Heldentod-Mythisierung geführt habe, sondern im Gegenteil die Opferbereitschaft sogar noch zu einem „Opfersyndrom“ verstärkt habe, zu einer Tugend an sich, ohne eine näher be- schriebenes ,Wofür‘ des Einsatzes ; ebd., S.  76. Die Literatur zu dieser Frage ist umfangreich ; siehe exemplarisch Alexandra Kaiser, „Allerheldentotenfest“. Politische Sinnstiftung und rituelle Formung des Gefallenengedenkens, in : Gottfried Korff (Hg.), Alliierte im Himmel. Populare Religiosität und Kriegs- erfahrung, Tübingen 2006, S.  83–124 ; Sabine Kienitz, Beschädigte Helden. Kriegsinvalidität und Kör-
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Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Die Wundes des Staates
Subtitle
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Authors
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2015
Language
German
License
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
586
Categories
Geschichte Nach 1918
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