Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geschichte
Nach 1918
Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Page - 256 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 256 - in Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938

Image of the Page - 256 -

Image of the Page - 256 - in Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938

Text of the Page - 256 -

256 Das Invalidenentschädigungsgesetz zugleichen versuchte. Die allgemeine Wehrpflicht hatte die Gesellschaft als Ganzes erfasst, das IEG, das aus dieser Wehrpflicht resultierende Schäden abgolt, tat dies schon viel differenzierter : Der gewährte Schadenersatz hätte nicht zwangsläufig auch die Position von Geschädigten in der zivilen Gesellschaft mitberücksichtigen müssen. Die Form der Entschädigung, die der französische Staat wählte, zeigt das deutlich : Dort wurde nur ein verabsolutierter Schaden  – unabhängig von der gesellschaftlichen Stellung des Geschädigten  – quantifiziert.144 Das IEG trachtete aber eben auch nicht danach, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen, die die Wehrpflichtigen vor ihrem Militärdienst innehatten, in der Gesetzgebung zur Entschädigung ungebro- chen fortzuschreiben, wie dies etwa in Großbritannien der Fall war.145 Ein entscheidender Grund für die weitgehende Differenzierung der Ansprüche lag zweifellos in der bereits während des Krieges getroffenen Festlegung, dass der materi- elle Teil der Kriegsbeschädigtenversorgung  – die Rentenleistung  – in Österreich dem Wesen nach als Schadenersatz im Hinblick auf den ganzen oder teilweisen Verlust der bürgerlichen Erwerbsfähigkeit unter der Berücksichtigung des früher ausgeüb- ten Berufes verstanden wurde. Der ehemalige Bündnispartner Deutschland wählte einen etwas anderen Weg. Das dort etwa ein Jahr nach dem IEG geschaffene Reichs- versorgungsgesetz basierte die Ansprüche von Kriegsbeschädigten ebenfalls auf der Minderung der Erwerbsfähigkeit, deren Definition übrigens der österreichischen sehr nahe kommt,146 und auch dort bildete die vor dem Krieg innegehabte gesellschaftliche Position einen wesentlichen Bezugspunkt für die Bemessung der Renten. Das RVG kannte allerdings keine Bestimmung, die ein früheres Einkommen bei der Festlegung der Rentenhöhe berücksichtigt hätte, auch die Vorbildung wurde für die Bemessung nur sehr allgemein herangezogen.147 Die Differenzierung der Ansprüche im Hinblick 144 Geyer, Vorbote, S.  237. 145 Ebd., S.  242–245. 146 RVG v. 12.5.1920 (dRGBl I, S.  989ff), § 25. Dort heißt es : „Die Erwerbsfähigkeit gilt insoweit als gemindert, als der Beschädigte infolge der Beschädigung nicht mehr oder nur unter Aufwendung außer- gewöhnlicher Tatkraft fähig ist, sich Erwerb durch eine Arbeit zu verschaffen, die ihm unter Berücksich- tigung seiner Lebensverhältnisse, Kenntnisse und Fähigkeiten billigerweise zugemutet werden kann.“ 147 Das deutsche System gewährte zunächst eine Grundrente, die nur von der MdE abhängig war. An- spruch auf eine sogenannte Ausgleichszulage in der Höhe von 25 % der Grundrente bestand dann, wenn ein vor der Beschädigung ausgeübter Beruf „erhebliche Kenntnisse und Fertigkeiten“ erfordert hatte. Hatte dieser Beruf darüber hinaus noch „ein besonderes Maß von Leistung und Verantwortung“ verlangt, so erhöhte sich diese Ausgleichszulage auf 50 % der Grundrente. Weiters bestand Anspruch auf die Ausgleichszulage, „wenn nur die Beschädigung den Beschädigten hindert, einen Beruf aus- zuüben, den er sonst nach seinen Lebensverhältnissen, Kenntnissen und Fähigkeiten hätte erreichen können“ (RVG, § 28). Diese Passage bezog sich auf Kriegsbeschädigte, die vor ihrer Einrückung noch nicht erwerbstätig gewesen waren.
back to the  book Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938"
Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Die Wundes des Staates
Subtitle
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Authors
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2015
Language
German
License
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
586
Categories
Geschichte Nach 1918
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Die Wundes des Staates