Page - 259 - in Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Image of the Page - 259 -
Text of the Page - 259 -
259Resümee
: Vergleichende Bewertung des IEG
einen auf die Gesamtheit der Staatsbürger abzielenden Ausgleich bezweckte, wurde es
von Zeitgenossen offenbar eher als ein Sondergesetz wahrgenommen, das der Besei-
tigung zwar dramatischer, aber letztlich doch vorübergehender und einem normalen
staatlichen Leben nicht inhärenten Notlagen diente. Was am Beispiel des Sozialthe-
oretikers Max Lederers ausgeführt wurde, lässt sich bis zu Autoren der Gegenwart
fortsetzen : Die Kriegsbeschädigtenversorgung wurde und wird in der zentralen Li-
teratur zur Entwicklung des Wohlfahrtsstaates interessanterweise stets vernachlässigt.
Dieser Befund gilt
– am österreichischen Beispiel nachweisbar
– sowohl für historische
Arbeiten160 als auch für die Literatur der letzten 30 Jahre.161 Mit Sicherheit muss jedoch
zwischen dem ursprünglichen Invalidenentschädigungsgesetz, wie es im April 1919
erlassen wurde, und dem sich daraus nach unzähligen Novellierungen im Laufe der
folgenden Jahre entwickelnden Gesetzeswerk unterschieden werden. Das IEG, wie es
etwa in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre in Kraft war, hatte – wie noch zu zeigen
sein wird – mit dem vorbildhaften Reformgesetz des Jahres 1919 nur mehr wenig zu
tun.162
160 Siehe neben Lederer auch Julius Braunthal, 12. November. Die Sozialpolitik der Republik, Wien 1919 ;
Deutschösterreichs Gewerkschaftskommission, Sozialpolitik in Österreich 1919 bis 1923. Referat des
Abgeordneten Ferdinand Hanusch auf dem Zweiten österreichischen Gewerkschaftskongreß. Mit ei-
nem Anhang über die Entwicklung der Sozialpolitik in Österreich nach dem Kriege von Richard
Fränkel, Wien 1923.
161 Kurt Ebert, Die Anfänge der modernen Sozialpolitik in Österreich. Die Taaffesche Sozialgesetzge-
bung für die Arbeiter im Rahmen der Gewerbeordnungsreform, Wien 1975 ; Hofmeister, Sozialversi-
cherung ; Alfred Liebich, Begünstigende Faktoren und Maßnahmenfolge der staatlichen Sozialpolitik
(Deutsch-)Österreichs im Zeitraum November 1918 bis Juli 1919, Diss. Wien 1977 ; Emmerich Tálos,
Staatliche Sozialpolitik in Österreich. Rekonstruktion und Analyse, Wien 1981 ; Emmerich Tálos, So-
zialgesetzgebung im Zeichen politischer Umbrüche. Ein Vergleich der sozialpolitischen Entwicklung
1918–1920 und 1933–1938 in Österreich, in : Harald Steindl (Hg.), Wege zur Arbeitsrechtsgeschichte
(= Ius commune : Sonderhefte, Texte und Monographien 20), Frankfurt/M. 1984, S. 415–439 ; Fritz
Weber, Hauptprobleme der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Österreichs in der Zwischen-
kriegszeit, in : Franz Kadrnoska (Hg.), Aufbruch und Untergang. Österreichische Kultur zwischen
1918 und 1938, Wien-München-Zürich 1981, S. 593–621 ; Josef Weidenholzer, Der sorgende Staat.
Zur Entwicklung der Sozialpolitik von Joseph II. bis Ferdinand Hanusch, Wien u. a. 1985 ; Ernst
Bruckmüller, Sozialgeschichte Österreichs, Wien 1985 ; Gerald Stourzh/Margarete Grandner (Hg.),
Historische Wurzeln der Sozialpartnerschaft (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Neuzeit 12/13),
Wien 1986 ; Emmerich Tálos/Karl Wörister, Soziale Sicherung im Sozialstaat Österreich : Entwick-
lung – Herausforderungen – Strukturen, Badan-Baden 1994. Auch Hudemann machte auf diese Aus-
klammerung der Kriegsopferfürsorge aus den Darstellungen der Sozialpolitik aufmerksam ; Rainer Hu-
demann, Kriegsopferpolitik nach den beiden Weltkriegen, in : Hans Pohl (Hg.), Staatliche, städtische,
betriebliche und kirchliche Sozialpolitik vom Mittelalter bis zur Gegenwart (= VSWG Beiheft 95),
Stuttgart 1991, S. 269–294, hier S. 269f.
162 Vgl. Kapitel 10.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918