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9 Die Invalidenbewegung
Wenn im vorigen Kapitel wiederholt davon die Rede war, dass der Zentralverband
an der Entstehung des Invalidenentschädigungsgesetzes maßgeblich beteiligt war, so
zeigt ein neuerlicher Blick auf die österreichische Invalidenbewegung, dass die große
Kriegsbeschädigtenorganisation, die sich in den Verhandlungen mit den Staatsstel-
len bis zum April 1919 tatsächlich erst formiert hatte, nun – nach der Erlassung des
Gesetzes – mit internen Zerreißproben konfrontiert war und keineswegs mehr so
monolithisch dastand, wie das anfangs noch der Fall war. Die Konstituierungs- und
Konsolidierungsphase des Zentralverbandes blieb von den politischen Kämpfen jener
Zeit nicht unberührt. Die Jahre 1919 und 1920 waren von Spaltungsbewegungen und
Einigungsversuchen geprägt, während es dann bis 1923 zu einer gewissen Festigung
der Position des Zentralverbandes kam, neben dem sich aber nun auch Konkurrenzver-
eine etabliert hatten. 1923 markierte schließlich in jeder Hinsicht einen Wendepunkt.
Während auf gesamtstaatlicher Ebene die im Oktober 1922 unterzeichneten Genfer
Protokolle massive Einsparungen und das Ende der Hyperinflation brachten, war die
Kriegsbeschädigtenversorgung spätestens durch die im Juli 1922 in Kraft getretene 7.
Novelle1 des Invalidenentschädigungsgesetzes im Jahr zuvor de facto neu organisiert
worden. Der kämpferische Geist der Anfangsjahre war schon in den beiden vorange-
gangenen Jahren einer ansteigenden Teilnahmslosigkeit gewichen
– oder besser gesagt :
hatte sich auf eine kleinere Gruppe konzentriert. Bei zwar noch anhaltend hohem
Niveau engagierten sich nun weniger Kriegsbeschädigte in der Interessenvertretung
als in der ersten Zeit nach dem Krieg. Die folgenden zehn Jahre bis zur Etablierung
des autoritären Regimes 1933/1934, das dann die Zerschlagung des Zentralverbandes
brachte, waren von einer gewissen Stagnation, aber auch einer thematischen Neuori-
entierung und merkbaren Internationalisierung des Vereins gekennzeichnet.
9.1 Spaltungen und Einigungsversuche : 1919–1920
Die erste Phase in der Geschichte des Zentralverbandes vom Beginn des Jahres 1919 bis
zur Mitte des Jahres 1920 verlief bewegt : Harte Auseinandersetzungen innerhalb der
1 BGBl 1922/430.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918