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263Spaltungen
und Einigungsversuche : 1919–1920
„Immer wieder wird Kritik geübt, heimlich und hinter geschlossenen Türen, anstatt das an der
kompetenten Stelle offen zu sagen, was not tut. […] – die Unzufriedenen mehren sich, sie
wollen nicht begreifen, dass es viel leichter ist, Kritik zu üben, als selbst es besser zu machen.
[…] Es kann nur ein Mittel geben, um endlich zum Arbeitsfrieden kommen zu können, und
das ist vertrauensvolles Zusammenschließen mit offener Aussprache und Verständnis für die
Sachlage. […] Feindschaften zertrümmern unsere Hoffnungen, darum seid einig, reicht euch
die Hände zu felsenfestem Bunde : Haß und Neid verbannt aus eurem Herzen, den sie sind
die Träger des Unglückes, sie schaffen uns die Gefahr der Uneinigkeit und zeugen Feinde.“18
Mit keinem Wort wurden im Invaliden die ersten Abspaltungen vom Zentralverband
erwähnt. Es gab im Frühjahr 1919 deren zwei. Am 23. April 1919,19 nur zwei Tage
nach dem Delegiertentag, gründeten etwa 2.000 unzufriedene Kriegsbeschädigte in
einer Baracke der Invalidenschulen in der Schleiergasse in Wien X den Sozialwirt-
schaftlichen Reichsbund der Kriegsinvaliden Deutschösterreichs. Die Initiative war von der
Ortsgruppe Wien X ausgegangen, die den Delegiertentag des Zentralverbandes verlas-
sen hatte. Kein geringerer als Johann Jakob Hollitscher schloss sich der neuen Gruppie-
rung an und trat kurz darauf als Präsident des Zentralverbandes zurück.20 Ein Konflikt
zwischen Hollitscher und dem Obmann der Ortsgruppe Wien, Richard Weißsteiner,
dürfte Auslöser für diese Abspaltung gewesen sein.21 Ein weiterer Verein entstand
18 „Feinde“, in : Der Invalide, Nr. 11 v. 1.6.1919, S. 2.
19 Laut Zeitungsbericht am 24.4.1919 ; vgl. Wienbibliothek, Tagblattarchiv, Mappe : Kriegsopferverband
1917–1932, Der neue Tag v. 27.4.1919 ; vgl. auch AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1366, 11753/1919,
Schreiben an StAfsV v. 24.4.1919.
20 Ebd., Kt. 1559, Sa 44. Der Sozialwirtschaftliche Reichsbund bezog Räume im Arbeiterheim Wien X,
Laxenburgerstraße 8–10 und gab eine eigene Zeitung, die Deutschösterreichischen Invalidenblätter, heraus.
Vorsitzende des Sozialwirtschaftlichen Reichsbundes waren zuerst die Männer Flaschenträger, Ott und
Rader ; trotz seiner Mitwirkung an der Abspaltung weigerte sich Hollitscher anfangs, ein Mandat anzu-
nehmen ; vgl. Wienbibliothek, Tagblattarchiv, Mappe : Kriegsopferverband 1917–1932, Der neue Tag v.
27.4.1919. Am 27.4.1919 trat er als Präsident des Zentralverbandes zurück ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb,
Kt. 1365, 10526/1919. Die Ortsgruppe Wien X wurde in der Folge Ende Juni 1919 vom Zentralverband
neu gegründet ; Der Invalide, Nr. 13 v. 1.7.1919, S. 8.
21 Weißsteiner, Konkurrent Hollitschers, war am 9.2.1919 in einer dramatisch verlaufenen Generalver-
sammlung, die dem späteren Gesetzesreferenten des Zentralverbandes Rupert Kainradl „immer in Er-
innerung bleiben“ sollte, zum ersten Obmann der neu geschaffenen Wiener Ortsgruppe (des späteren
Wiener Landesverbandes) gewählt worden ; Der Invalide, Nr. 4 v. 15.2.1919, S. 6. Hollitscher war gegen
die Gründung der Ortsgruppe gewesen, wohl weil das seine eigene Position als Obmann des Zentral-
verbandes schmälern musste ; Rupert Kainradl, Wie wir die Ortsgruppe Wien gründeten. Aus alten Pro-
tokollen, in : Der Invalide, Nr. 11 v. November 1928, S. 14 und 16, Zitat S. 16. Vgl. zu den persönlichen
Auseinandersetzungen auch das Rechtfertigungsschreiben des Sozialwirtschaftlichen Reichsbundes gegen-
über dem Staatsamt für soziale Verwaltung, in dem Weißsteiner und Burger „als Schädlinge der Orga-
nisation, ja geradezu als Ehrabschneider“ beschrieben wurden ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1366,
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918