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268 Die Invalidenbewegung
ständigkeit aufzugeben,48 und trat im Mai 1920 sogar mit einer eigenen Zeitung an
die Öffentlichkeit.49
Im neuen Blatt beschäftigte er sich hauptsächlich damit, den ehemaligen Bündnis-
partner Johann Jakob Hollitscher sowie den Zentralverband zu diffamieren, ließ die
Leserschaft dabei aber über die inhaltliche Ausrichtung des eigenen Vereins völlig im
Unklaren. 1920 dürfte der Zentralrat seiner ursprünglich kommunistischen Orientie-
rung noch treu geblieben sein : Die Sympathie für den französischen Sozialisten und
späteren Kommunisten Henri Barbusse sowie für eine Internationale der Kriegsinva-
liden50 deutet in diese Richtung. Wie die weitere Entwicklung allerdings zeigt, war
diese ideologische Orientierung nicht allzu stark verankert gewesen. Der Austausch
der handelnden Personen führte nämlich gegen Ende des Jahres zu einer völligen
Neupositionierung : Ein Teil der Führungsriege wurde im Oktober 1920 aus der Or-
ganisation hinausgeworfen,51 der Zentralrat gab sich neue Statuten,52 benannte sich
in Reichsvereinigung der Kriegsinvaliden, Witwen und Waisen Österreichs um und kon-
zentrierte sich ab 1921 auf die Vertretung der burgenländischen Kriegsbeschädigten.53
Dieser Wandel wurde jedoch nicht von allen Mitgliedern mitgetragen, woraufhin die
neue Verbandsleitung eine ganze Fraktion ausschloss, deren Proponenten kurzerhand
einen neuen Verein gründeten, der seinerseits zumindest im Namen an den alten Zen-
tralrat anschloss.54
Die neue Reichsvereinigung jedoch verwickelte sich mehr und mehr in dubiose Ma-
chenschaften. Hans Mentschl, der schon dem alten Vereinsvorstand angehört hatte55
und nicht nur des Ketten- und Schleichhandels bezichtigt wurde, sondern auch einen
48 Ebd., Kt. 1559, Sa 46, 7354/1920, ZR an StAfsV v. 3.3.1920.
49 Der Zentralrat, Nr. 1 v. 5.5.1920.
50 Ebd., Nr. 11/12 v. 20.10.1920, S. 3f.
51 Am Delegiertentag v. 7./8.8.1920 wurde erstmals eine Namensänderung vorgeschlagen ; ebd., Nr. 7. v.
5.8.1920, S. 1 ; zu massiven Umstrukturierungen dürfte es beim außerordentlichen Delegiertentag am
3.10.1920 gekommen sein ; ebd., Nr. 11/12 v. 20.10.1920, S. 4.
52 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1569, Sa 132, 28711/1920, RV an StAfsV v. 8.10.1920 und 2755/1921,
PDion Wien v. 23.1.192 ; vgl. auch ebd., Kt. 1379, 35582/1920.
53 Ebd., Kt. 1563, Sa 119, 8252/1921. 1921 wurde das Burgenland als selbstständiges Bundesland in die
Republik Österreich aufgenommen. Vom Jänner 1921 an erschien auch die Vereinszeitung unter neuem
Namen ; Der österreichische Kriegsinvalide, Nr. 1 v. 1.1.1921.
54 Der neue Verein unter der Bezeichnung Zentralrat der österreichischen Kriegsbeschädigten und Krieger-
hinterbliebenen existierte seit 5.1.1921 ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1569, Sa 132, 2676/1921. Er
dürfte
– schenkt man der Reichsvereinigung Glauben
– vor allem die Kriegsbeschädigten des Meidlinger
Spitals vertreten und Ende 1922 zu existieren aufgehört haben ; „Erdbeben in Meidling“, in : Der öster-
reichische Kriegsinvalide, Nr. 12 v. Dezember 1922, S. 2.
55 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1569, Sa 132, 32839/1920.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918