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271Spaltungen
und Einigungsversuche : 1919–1920
organisierten Invaliden und Kriegerwitwen“73 berief, auch hier gruppenbildend wirkte.
Manche Ortsgruppen konnten in dieser Phase die Zahl ihrer Mitglieder verzehnfa-
chen ;74 neue Ortsgruppen wurden gegründet ; Referenten aus Wien kamen zu den
konstituierenden Versammlungen, sprachen vom Wert einer einheitlichen Organisa-
tion, erläuterten das IEG und luden die Witwen zur Mitarbeit ein. Die Expansion
des Vereins spiegelte sich auch in der Auflagezahl des Invaliden wider. Der Verband
konnte bei der Herstellung der Verbandszeitung mit dem gestiegenen Interesse nicht
mehr Schritt halten und musste schließlich sogar die Druckerei wechseln, weil die alte
nicht über die notwendigen Kapazitäten verfügte, eine höhere Auflage zu produzie-
ren. Von Mitte 1919 bis Anfang 1924 wurde der Invalide in der sozialdemokratischen
Druckerei- und Verlagsgesellschaft Vorwärts gedruckt75 – Ende 1919 bereits in einer
Auflage von 50.000 Stück.76 Die Phase der beginnenden Konflikte und Abspaltungen
war also zugleich die Phase der ersten großen Ausbauwelle des Zentralverbandes.
9.1.1 Zählung der Vereine
Es war ebenfalls Mitte 1919, als sich das Staatsamt für soziale Verwaltung durch ge-
zielte Erhebungen einen Überblick über das Feld der Kriegsbeschädigtenorganisatio-
nen zu verschaffen erhoffte. Dieses Feld hatte sich indessen weiter aufgesplittert, neue
Vereine waren entstanden und die Staatsverwaltung war ohne Übersicht. Sie musste
aber über Anzahl und Stärke der Organisationen Bescheid wissen, da die gesetzlich
verbriefte Mitbestimmung, die den Kriegsbeschädigten durch das IEG vom April
1919 gewährt worden war,77 ihren Vertretern Sitze in den verschiedenen Gremien zu-
billigte und diese Sitze gerecht auf die einzelnen Vereine aufgeteilt werden sollten. Das
Staatsamt beauftragte also einerseits die Invalidenentschädigungskommissionen, Ver-
zeichnisse über die in ihrem Wirkungskreis bestehenden Kriegsbeschädigtenorganisa-
tionen anzulegen,78 und bat andererseits auch die Polizeidirektion (als Vereinsbehörde),
Informationen zur Verfügung zu stellen. Zweiteres sollte „in absolut diskreter Weise“
73 StGBl 1919/245, § 42 Abs 2.
74 Das berichtete z. B. die Ortsgruppe Hietzing für die Monate April bis Juli ; Der Invalide, Nr. 15 v.
1.8.1919, S. 8.
75 Vorwärts, Wien V, Rechte Wienzeile 97 ; ebd., Nr. 14 v. 15.7.1919, S. 1 und S. 7. Ab Mitte 1924 über-
nahm die in Wien VII, Lerchenfelderstraße 1, untergebrachte Invalidendruckerei Inva den Druck ; Der
Invalide, Nr. 2 v. Juli 1924. Die Nachrichten waren schon früher, Ende 1920, zur Hausdruckerei übersie-
delt ; Nachrichten Zentralverband, Nr. 9–10 v. 16.12.1920, S. 6.
76 Die Auflage der ersten Nummern lag bei 3.000 Stück ; „Das erste Jahr unserer Zeitung“, in : Der Invalide,
Nr. 22 v. 15.11.1919, S. 1.
77 Vgl. Kapitel 8.4.
78 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1559, Sa 44, 23531/1919, StAfsV an IEKs v. 27.8.1919.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918