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Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
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277Spaltungen und Einigungsversuche : 1919–1920 Zentralverbandes markant formulierte  – „die Zahl der kriegsblinden Kameraden nicht gezählt, sondern gewogen werden muß.“105 Doch warum war das so ? Warum stellte Erblindung das allem Anschein nach schlimmste Schicksal dar, das einen Soldaten im Krieg treffen konnte  – ein Schick- sal, das viele der in der Kriegsbeschädigtenversorgung sonst gültigen Prinzipien und Mechanismen  – wie etwa die Aufteilung der Mittel oder das Mitspracherecht gemäß Anteil in der Gesamtgruppe  – außer Kraft setzte ? Warum machte dieses Schicksal die Betroffenen praktisch unangreifbar und sicherte ihnen derart ungeteilt gesellschaftli- che Anteilnahme ? Die Frage ist nicht endgültig und wohl auch nur annäherungsweise zu beantworten. Erblindung wurde sowohl von Soldaten als auch von den Familien der Eingerück- ten und den Fürsorgevereinen offensichtlich als die schrecklichste unter den Kriegsbe- schädigungen wahrgenommen.106 Sie war  – wie 1917 bei der Jahressitzung des Kriegs- blindenfonds formuliert wurde  – ein „den Wert des Lebens überragendes Opfer“.107 Nicht zufällig wurde daher auch der Blinde neben dem Amputierten am häufigsten bildlich dargestellt und verkörperte wie dieser den Kriegsbeschädigten schlechthin. Während des Krieges bedienten sich offizielle Stellen dieser Repräsentationen beson- ders gerne : Viele fotografische Abbildungen zeigen Kriegsblinde, die im Zuge der Invalidenschulung das Korbflechthandwerk erlernten, und der einzige Propagandafilm, der im Rahmen der Kriegsbeschädigtenfürsorge entstand, schilderte das Schicksal nicht irgendeines Kriegsbeschädigten, sondern das eines Kriegsblinden.108 Die Angst 105 „Amtliche Feststellung der Mitgliederzahl der Organisationen“, in : Der Invalide, Nr. 1 v. 31.1.1927, S.  3. 106 Ulrich und Ziemann zitieren in ihrer Quellensammlung den Feldpostbrief eines deutschen Soldaten, in dem dieser seine Gedanken während eines Angriffs schildert : „Einen Arm will ich opfern, ein Bein, auch, einen Bauchschuß nehme ich auch hin […]. Nur nicht blind werden. Ein Auge vielleicht gibst du hin, am liebsten auch das nicht. Nur nicht blind werden“ ; Bernd Ulrich/Benjamin Ziemann (Hg.), Frontalltag im Ersten Weltkrieg. Wahn und Wirklichkeit. Quellen und Dokumente, Frankfurt/M. 1994, S.  79. Vgl. auch eine ganz ähnliche Formulierung in einer literarischen Verarbeitung : „Die Augen verloren ! Nicht mehr sehen können ! […] Warum war er nicht gleich tot gewesen ? Konnte der Schuß nicht drei Zentimeter höher treffen, dann war es aus. […] War ein Blinder nicht schrecklich gestraft ? War er nicht der Unglücklichste unter allen ?“ ; Fritz Günther, Zwei Menschen und ein Auge. Das Le- ben eines Kriegsblinden. Erzählung aus dem Weltkrieg, Leipzig o. J. [1938], S.  41 und S.  44. 107 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen über Fürsorge für Kriegsbeschädigte, Wien 1917, S.  252– 259, hier S.  256. Vgl. auch die Formulierung im Invaliden, Kriegsblinde seien die „ärmsten Kameraden […], denen wohl sicherlich jeder von uns zugestehen muß, daß sie allgemein die schwerst Getroffenen sind und daher auf bestimmte Ausnahmebegünstigungen Anspruch zu erheben berechtigt sind“ ; „Die Invalidenbewegung“, in : Der Invalide, Nr. 18 v. 15.9.1919, S.  1f, hier S.  1. 108 „Konrad Hartls Lebensschicksal“ zeigt das „Los eines blindgeschossenen Soldaten“ ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1361, 12876/1918, Invalidenamt Suczawa an MfsF v. 12.5.1918. Vgl. auch die Bro- schüre von Karl Tema ; ebd., Kt. 1363, 24190/1918.
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Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Die Wundes des Staates
Subtitle
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Authors
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2015
Language
German
License
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
586
Categories
Geschichte Nach 1918
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