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Nach 1918
Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
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285Aufruhr und Beruhigung : Drei Beispiele Ausnahme. Dass diese rasante Politisierung nicht ohne Friktionen blieb, zeigten die vorangegangenen Kapitel. Ausgeklammert aber blieb in dieser eher einer politischen Historiografie verhafteten Darstellung der Vereinsgeschichte der Blick auf die große Masse der Kriegsbeschädigten, beziehungsweise auf jene Gruppen, die  – zumeist in urbanen Ballungsräumen  – den Druck erzeugten, der die Funktionäre des Zentralver- bandes (und natürlich auch die anderer Kriegsbeschädigtenvereine) in ihren Verhand- lungen stärkte, sie aber manchmal auch vor sich hertrieb. Im Folgenden sollen daher drei Geschichten erzählt werden. Es sind Geschichten, wie sie aus der Anfangszeit der Invalidenbewegung viele zu erzählen wären. Sie geben Auskunft über die sozialen Zustände und die vorherrschende Stimmung unter den Kriegsbeschädigten und offenbaren so den Hintergrund für jene Verhandlungen, die zwischen Kriegsbeschädigtenorganisationen und Staatsverwaltung über die Versor- gungsregelungen geführt wurden. Die Geschichten zeigen auch, dass die Forderungen, die etwa der Zentralverband gegenüber den Staatsstellen erhob, an konkreten Orten und in konkreten Gruppen von Kriegsbeschädigten erstmals gestellt wurden. Forderungen entstanden meist dort, wo sich bei Kriegsende größere Gruppen von Verletzten und Erkrankten aufhielten, also in Hospitälern und Invalidenschulen. Die hier versammelten Kriegsbeschädigten hatten vielfach keine andere Unterkunft ; ihr Interesse galt daher bald weniger der weiteren medizinischen Behandlung oder Aus- bildung als der Tatsache, dass in den Sanitätseinrichtungen und Schulen für Obdach und Ernährung gesorgt war. Selbst geheilte Kriegsbeschädigte blieben einfach vor Ort und konnten, da sie sonst obdachlos geworden wären, aus den Einrichtungen nicht entlassen werden. Das Phänomen, dass sich gerade diese Männer als erste zusammen- schlossen und auch besonders radikal waren, wurde an vielen Orten beobachtet : Die „Anstaltsinvaliden“ bildeten ein Reservoir unzufriedener, jedenfalls aber entwurzelter und unterversorgter Menschen, die es verstanden, ihre Bedürfnisse in Demonstratio- nen und Protestaktionen lautstark zum Ausdruck zu bringen.155 Sie waren die aktive Klientel der neu geschaffenen Verbände, die diese Anliegen formulierten, ihnen Rich- tung und Struktur gaben und sich um ihre Durchsetzung auf dem Verhandlungsweg bemühten. Was die drei Geschichten eint, ist, dass sie alle mit der Aneignung symbolisch be- deutsamer Orte zu tun haben. Die erste Geschichte führt in die Invalidenstadt an Wiens Südrand, die infolge reichlicher Spenden während der Kriegszeit über mus- terhaft eingerichtete, wertvolle Werkstätten verfügte. Diese Anlagen waren, wie die 155 „Der heutige Stand der Schulung aber bedingt zweifellos das Interesse weit mehr auf Unterkunft und Verpflegung, denn das auf Schulung“ ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1403, 19472/1922, Vorakt 424/1821, Deutsch-österreichische Invalidenschulen an BMfsV v. 4.1.1921.
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Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Die Wundes des Staates
Subtitle
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Authors
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2015
Language
German
License
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
586
Categories
Geschichte Nach 1918
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