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287Aufruhr
und Beruhigung : Drei Beispiele
dem Hintergrund der eigenen Not hierin nur eine Vergeudung von Ressourcen sehen
konnten. In der Mangelgesellschaft nach dem Krieg waren solche Verstimmungen
erster Ausdruck einer Entfremdung zwischen Vertretern und Vertretenen.
9.2.1 Die Schleierbaracken
Nach dem Ende des Krieges war zunächst unklar, was mit dem als Invalidenstadt158
bekannt gewordenen, im Wiener Bezirk Favoriten gelegenen Werkstätten- und Schu-
lungskomplex für Kriegsbeschädigte geschehen sollte. Einerseits musste über die Fort-
setzung der Invalidenschulung erst grundsätzlich entschieden werden, andererseits
waren Tausende Kriegsbeschädigte in den Baracken einfach anwesend und schufen
Fakten. Diese Männer wollten nicht nur versorgt sein, sondern begannen – mit Un-
terstützung der Kriegsbeschädigtenvereine – auch eigene Forderungen in Bezug auf
die Verwendung ihres Wohn- und Arbeitsortes zu stellen. Hinzu kam, dass die hier
aufgebauten Werkstätten reale Werte darstellten und verschiedenste Begehrlichkeiten
weckten. Die Invalidenstadt konnte also aus mehreren Gründen nicht einfach still-
gelegt werden ; es war notwendig, eine Neudefinition der Anlage vorzunehmen. Dies
geschah in mehreren Schritten und führte letztlich dazu, dass aus der propagandistisch
weidlich ausgenutzten Mustereinrichtung auf dem Gebiet der Invalidenschulung ein
nur leidlich gut funktionierender genossenschaftlicher Gewerbebetrieb wurde.
9.2.1.1 Das Ende der Invalidenschulung
Was die Invalidenschulung als solche betraf, so hatten manche der während des Krie-
ges stereotyp gebrauchten Argumente – etwa, dass man auf keine einzige Arbeitskraft
verzichten und dass man körperliche Beeinträchtigung durch entsprechende Schu-
lung einfach wettmachen könne – ihre Gültigkeit spätestens mit Kriegsende verloren.
Angesichts des Nachkriegselends verschwanden nun auch Aktionismus und Pathos –
beides Begleiter des Diskurses über die Invalidenschulung – völlig und machten ei-
ner sachlicheren und zurückhaltenderen Erörterung des Themas Platz. Invalidenkurse,
wie sie seit 1915 monarchieweit eingerichtet worden waren, sollten den Krieg nicht
überdauern. Die Zeiten, da man die Erzeugnisse solcher Kurse in Wohltätigkeitsaus-
stellungen präsentiert und verkauft hatte159 und das allein schon die ökonomische Ef-
fizienz der Maßnahme zu belegen schien, waren vorbei. Die Invalidenschulung hatte
158 Zur Invalidenstadt, den Invalidenwerkstätten des Reservespitals Nr. 11, vgl. Kapitel 4.2.
159 Etwa die von mehreren Grazer Sanitätsanstalten im Herbst 1916 veranstaltete Verkaufsausstellung ;
K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1917, S. 242.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918