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294 Die Invalidenbewegung
weitergeführt werden, blieb doch die Frage, wem die Baracken gehörten und wer sie
verwalten sollte, noch völlig ungelöst. Auch eine Absiedlung der Invalidenschulen aus
dem Barackenprovisorium wurde überlegt,194 doch dazu kam es nicht. Um die Jahres-
wende von 1918 auf 1919 übernahm schließlich das Staatsamt für soziale Fürsorge
die Oberaufsicht über die Barackenstadt, trennte sie vom Reservespital ab und über-
trug die Leitung der Einrichtung einem Direktorium, das sich aus Behördenvertretern,
Angestellten und Kriegsbeschädigten zusammensetzte.195
Im Juni 1919 veröffentlichte die Österreichische Volkszeitung unter der Überschrift
„Die Invalidenschulen suchen Schüler. Die Kriegsbeschädigten melden sich nicht“
einen Artikel, in dem ausdrücklich auch auf die neue Verwaltungsstruktur der Schule
hingewiesen und damit eine zentrale Innovation hervorgehoben wurde : Die Schulen
seien nicht mehr militärisch geführt, sondern hatten nun eine Administration „auf
breitester demokratischer Grundlage“, hieß es hier werbend. Der Tatsache, dass die
Rätebewegung auch die Gruppe der Kriegsbeschädigten erfasst hatte, die ihrerseits
Invalidenräte gründeten und ihr Recht auf Mitbestimmung erfolgreich einforderten,
wurde überdeutlich Rechnung getragen.
„Die ausgedehnten Anlagen der staatlichen Invalidenschulen am Hebbelplatz in Favoriten
leiden unter chronischem Schülermangel. Trotz der herrschenden Arbeitslosigkeit werden
die Schulen von den Anspruchsberechtigten noch viel zu wenig in Anspruch genommen.
Ein Freund der Invaliden will diese Erscheinung dadurch zu erklären suchen, dass die so
wertvollen Invalidenschulen noch nicht allgemein bekannt sein dürften.
Nach dem neuen Invalidengesetz haben auf Schulung und Verpflegung alle deutschöster-
reichischen Kriegsbeschädigten (Mannschaft und Gagisten) Anspruch. In Pavillons inmitten
schöner Anlagen ist für alles vorgesorgt. Eine Bibliothek, ein Vergnügungsraum und die
aus Schülern und Lehrern bestehende Schulgemeinde sorgen für belebende und belehrende
Abwechslung. Die Anstalt ist in halbstündiger Straßenbahnfahrt vom Stadtinneren zu errei-
chen. Sie gliedert sich in eine gewerbliche und eine theoretische Gruppe. Die gewerbliche
Gruppe umfaßt zahlreiche Werkstätten für fast sämtliche Gewerbe und Kunstgewerbe. Nach
Erreichung des Lehrzieles erhält man ein staatsgültiges Zeugnis, das die Meisterlehre ersetzt.
Die soziale Hilfsstelle sorgt dann für die Unterbringung des Absolventen, die fast im-
mer gelingt. Die theoretische Gruppe umfaßt folgende Kurse : Bürgerschule, Handelsschule,
194 Ebd., Kt. 1403, 19472/1922.
195 Ebd., Kt. 1372, 9657/1920. Das Direktorium wurde in der Sitzung der interministeriellen Kommission
für Invalidenfürsorge am 27.12.1918 geschaffen ; ebd., Kt. 1364, 4580/1918, Interministerielle Kom-
mission für Invalidenfürsorge, Protokoll v. 27.12.1918. Im April 1919 löste ein zu gleichen Teilen mit
Angestellten und Kriegsbeschädigten besetzter Oberausschuss das Direktorium ab ; auch Staatsamt für
soziale Verwaltung, Amtliche Nachrichten, 1919, S. 95.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918