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296 Die Invalidenbewegung
all dem auch noch konkurrenzfähig blieb ?202 Das war von der letztlich Ende 1920
gegründeten Produktionsgenossenschaft der Wiener Kriegsinvaliden und Kriegshinterblie-
benen (PRODWI) wohl etwas viel verlangt. PRODWI wehrte sich anfangs auch ent-
schieden gegen die Verpflichtung, behinderte Kinder zu schulen.203 Und es gab etliche
kritische Stimmen, die grundsätzlich daran zweifelten, dass sich eine Genossenschaft,
die zugleich die Aufgaben der Invalidenschulung übernehmen musste, im Konkur-
renzkampf bewähren würde.204
Johann Jakob Hollitscher, der durch den Wechsel vom Zentralverband zum Sozial-
wirtschaftlichen Reichsbund, der ja in den Schleierbaracken gegründet worden war, sein
Naheverhältnis zu den Invalidenschulen in Wien-Favoriten schon unter Beweis gestellt
hatte, ging jedoch davon aus, dass dieser Spagat zwischen den divergierenden Anfor-
derungen möglich sei. Von ihm stammte der erste Plan für eine „Vergenossenschaftung
der Österreichischen Invalidenschulen“. Darin führte er Mitte 1920
– als übrigens der
Sozialwirtschaftliche Reichsbund schon wieder Geschichte war205 – aus, dass fünf der
insgesamt 23 Schulungsbetriebe in den Schleierbaracken zu produktiven Betrieben
umgewandelt werden und dann gut 300 Personen Beschäftigung geben könnten. Das
Anlagekapital der Genossenschaft sollte laut Hollitschers Entwurf aus den für Kriegs-
beschädigte gewidmeten staatlichen Fonds bereitgestellt werden.206 Anders als die In-
validenschulen könnte ein solcher Betrieb vor allem deshalb aktiv bilanzieren, weil die
Kriegsbeschädigten mit ihrem Eintritt als Arbeiter in die Genossenschaft viel effizien-
ter arbeiten würden. Bisher hingegen „fühl[t]en sich die invaliden Arbeitskräfte selbst-
verständlich
– und es darf ihnen dies wirklich nicht übel genommen werden
– in erster
Linie als Schüler und nicht als Arbeiter“, was sich im Budget „zu Lasten des Staates
sehr geltend“207 gemacht hätte. Auch das Problem, dass die Invalidenschulen ihre Auf-
202 Ebd., Kt. 1403, 19472/1922, Vorakt 12994/1920, [Hollitscher], Expose betreffend die Vergenossen-
schaftung der : „Oe. INVALIDENSCHULEN“ Wien X. Schleiergasse.
203 Ebd., Vorakt 18718/1920.
204 Z. B. ebd., Kt. 1403, 19472/1922, Direktor der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Korbflechte-
rei und verwandte Flechttechniken an StAfHGIuB v. 5.7.1920.
205 Vgl. Tabelle 1 und Tabelle 7 im Anhang.
206 Die Genossenschaft sollte ausschließlich juristische Personen als Anteilseigner akzeptieren, d. h. auch
die Kriegsbeschädigten wären nur über ihre Organisationen vertreten gewesen bzw. über eine eigene
Untergenossenschaft, deren Kapital von nicht näher genannten „Industriellen“ zur Verfügung gestellt
werden sollte ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1403, 19472/1922, Vorakt 12994/1920, [Hollitscher],
Expose betreffend die Vergenossenschaftung der : „Oe. INVALIDENSCHULEN“ Wien X. Schleier-
gasse ; ebd., Kt. 1403, 19472/1922, [Hollitscher], Ergänzung des Exposés, betreffend die Vergenossen-
schaftung der Oe. Invalidenschulen, v. 6.7.1920.
207 Ebd., Vorakt 12994/1920, [Hollitscher], Expose betreffend die Vergenossenschaftung der : „Oe. INVA-
LIDENSCHULEN“ Wien X. Schleiergasse, S. 10.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918