Page - 301 - in Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Image of the Page - 301 -
Text of the Page - 301 -
301Aufruhr
und Beruhigung : Drei Beispiele
und sofort mit Kriegsbeschädigten belegt werden227 –, fand sich für Schönbrunn und
die Hermesvilla zunächst keine konkrete Lösung. Das Denkmalamt etwa äußerte
grundsätzliche Einwände gegen die Nutzung der Schlösser durch Kriegsbeschädigte.228
Teile Schönbrunns waren zudem Mitte April besetzt worden229
– und zwar von Kriegs-
beschädigten, die dem damals in Gründung befindlichen kommunistischen Zentralrat
der deutsch-österreichischen Kriegsbeschädigten angehörten. Es war keine große Gruppe
–
zu den ersten 15 Männern, alles Vertrauensleute des Kriegsspitals Meidling, aus dem
der Zentralrat seine Anhängerschaft rekrutierte, wollten sich dem Vernehmen nach
noch weitere 30 gesellen230 –, doch der Zentralverband war dezitiert gegen diese Be-
setzung und befürwortete die Entfernung der Männer – „unter Umständen auch mit
Gewalt“.231
Was hingegen Laxenburg betraf, so wurde schon in der zweiten, am 25. April 1919
anberaumten Besprechung eine Vereinbarung zwischen Zentralverband und Staats-
amt getroffen.232 Sie sah vor, das Schloss tatsächlich den Kriegsbeschädigten zu über-
lassen. Diese sollten den landwirtschaftlichen Betrieb und die Meierei übernehmen,
227 Vom 21.3.1919 datierte ein vom Mediziner Roland Abl im Auftrag des Zentralverbandes und mit Un-
terstützung der Regierungsbehörden entworfenes Papier, in dem aus technisch-praktischen wie auch
finanziellen Gründen dem Schloss Hetzendorf die größte Eignung für die Unterbringung von Kriegs-
beschädigten zugeschrieben und auch ein ethisches Argument ins Treffen geführt wurde, das wohl
für Laxenburg ebenso galt : „Wenn die durch den Krieg Schwerstgeschädigten auch keine öffentliche
Einrichtung für ihr zerstörtes, kurz befristetes Leben entschädigen kann, so wird doch die würdige und
schöne Umgebung dazu beitragen, dass sie ihr Schicksal etwas leichter tragen.“ An Laxenburg wurden
„die feuchte Lage, die Beheizungsschwierigkeiten, die Wasserfrage“ kritisiert ; ebd., Kt. 1554, Sa 29, I.
Teil, 11946/1919, Projekt betreffend die Verwendung des Schlosses Hetzendorf als Invalidenheim, v.
21.3.1919.
228 Ebd., 11946/1919, Staatsdenkmalamt an StAfIuU v. 17.4.1919.
229 Am 15.4.1919 hatten Kriegsbeschädigte den Hietzinger Valerietrakt des Schlosses Schönbrunn be-
setzt ; ebd. Der Valerietrakt umfasst 30 Räumlichkeiten ; vgl. auch AT-OeStA/AdR MRang MR 1. Rep
KRP, 61/5 v. 15.4.1919.
230 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1554, Sa 29, I. Teil, 11946/1919, Leitsätze für die Unterbringung von
Kriegsbeschädigten in hofärarischen Objekten. Im Frühjahr 1920 war Schönbrunn immer noch von 89
Kriegsbeschädigten okkupiert ; AT-OeStA/AdR MRang MR 1. Rep KRP, 176/9 v. 27.4.1920.
231 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1554, Sa 29, I. Teil, 11946/1919, Beschlussprotokoll.
232 Die Einrichtung von vorläufig 39 Räumen für insgesamt 70 bis 80 vorwiegend rückenmarkverletzte
Kriegsbeschädigte im Schloss Hetzendorf war zu diesem Zeitpunkt bereits im Gange. Die Hermes-
villa eignete sich als Sommersitz für einen Dauerbetrieb nicht ; 13 Räume in einem Wirtschaftsge-
bäude sollten jedoch für die Unterbringung von nicht mehr gehfähigen Schwerstinvaliden genutzt
werden. Die im Schloss Schönbrunn verwendbaren Räume sollten nach Entfernung der Besetzer der
Wiener Jugendwohlfahrt zur Verfügung gestellt werden ; auch der Zentralverband befürwortete diese
Widmung und verzichtete damit auf Schönbrunn ; ebd., Beschlussprotokoll ; Leitsätze für die Unter-
bringung von Kriegsbeschädigten in hofärarischen Objekten ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1366,
13143/1919, StAfsV an Staatskanzlei v. 2.5.1919.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918