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303Aufruhr
und Beruhigung : Drei Beispiele
Verhandlungen zum Anlass, mit unkontrollierten Protesten der Kriegsbeschädigten
zu drohen : Das Projekt Laxenburg müsse sofort umgesetzt werden, „da sich sonst die
Invalidenschaft von einem eigenmächtigen Vorgehen nicht abhalten liesse“.236
Behördenintern einigte man sich nun darauf, dass die Verwaltung von Laxenburg
dem Hofärar entzogen und dem Staatsamt für soziale Verwaltung zugewiesen werden
sollte, da der Zentralverband dem Staatsamt vertraute und sein Aufsichtsrecht aner-
kennen würde. So war es auch : Der Zentralverband akzeptierte den Kompromiss, dass
auch ohne endgültige Klärung der Eigentumsfrage mit einem provisorischen Betrieb
in Laxenburg begonnen würde, und wartete weiter auf den Abschluss der Instand-
setzungsarbeiten. Ohne Veränderungen an den Bauten oder dem Naturpark vorzu-
nehmen, sollte im Wesentlichen das umgesetzt werden, was schon am 25. April 1919
vereinbart wurde. Es war immer noch an eine Unterbringung von etwa 600 Kriegsbe-
schädigten gedacht.237
Wieder verging ein Monat mit Vorarbeiten und Besprechungen,238 bis sich Ende
Juli die Ereignisse neuerlich zuspitzten. Eine unvorhergesehene Aktion kam dem Zen-
tralverband dabei zur Hilfe, Laxenburg viel früher als geplant auch faktisch in Besitz
nehmen : Am 30. Juli 1919 um halbfünf Uhr nachmittags trafen nämlich in einem Wa-
gen des Schönbrunner Staatshengstdepots sechs Männer des Zentralrats in Laxenburg
ein, besichtigten die Gebäude und erklärten, dass sie vom Staatsamt ermächtigt seien,
im Schloss Laxenburg einzuziehen. Auf den Einwand der Schlosshauptmannschaft,
dass es Vereinbarungen mit dem Zentralverband gebe, entgegneten die Männer dreist,
dass dieser auf die Widmung verzichtet habe. Die ungebetenen Gäste gehörten zu
jenen Kriegsbeschädigten, die schon seit Mitte April den Valerietrakt in Schönbrunn
besetzt hielten und nun offenbar im Machtkampf mit dem Zentralverband ihre Mus-
keln spielen ließen. Nach mehreren hektischen Gesprächen wurde der vom Obmann
des niederösterreichischen Landesverbandes stammende Vorschlag aufgegriffen, der
drohenden Besetzung durch eine Belegung Laxenburgs mit Kriegsbeschädigten des
Zentralverbandes zu begegnen. Das Staatsamt, dessen Verhandlungspartner der viel
236 Ebd., 18207/1919. Da nur wenige Tage darauf wieder Versammlungen von Kriegsbeschädigten ange-
setzt waren und bei dieser Gelegenheit von den verhandelnden Funktionären – in die Besprechungen
waren mittlerweile auch der Niederösterreichische Landesverband und die Ortsgruppe Mödling des
Zentralverbandes eingebunden
– eine Erklärung erwartet wurde, ermächtigte Sektionschef Dr. Beck den
Vertreter des Landesverbandes, „den Ortsgruppen zur Beruhigung der Invalidenschaft telegraphisch
mitzuteilen, dass die Staatsämter die Widmung Laxenburgs für Kriegsbeschädigte grundsätzlich aner-
kennen und die endgültige Schlussfassung über das Projekt Montag den 30./6. treffen werden“ ; ebd.
237 Ebd., 18207/1919 ; 19442/1919, Aufnahmeschrift ; vgl. auch Staatsamt für soziale Verwaltung, Amtli-
che Nachrichten, 1919, S. 556 ; AT-OeStA/AdR MRang MR 1. Rep KRP, 84/10 v. 1.7.1919.
238 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1554, Sa 29, I. Teil, 19442/1919, Resolution ; Aufnahmeschrift ;
20378/1919.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918