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306 Die Invalidenbewegung
rend des bevorstehenden Winters – völlig ausgeschlossen schien. Nach vergeblichen
Anfragen beim Staatsamt für Heerwesen255 konnten im Staatskommissariat für Sach-
demobilisierung Ende Februar 1920 endlich 60 Garnituren Kriegsgefangenenmon-
turen aufgetrieben werden,256 aber es sollte noch April werden, bis die Stücke dann
tatsächlich zur Verfügung standen.257
Das Provisorium der Besiedlung Laxenburgs hatte sich zur Abwehr der drohenden
Besetzung bewährt, doch sehr bald begriff das Staatsamt für soziale Verwaltung, dass
es sich damit auf ein außerordentlich teures Experiment eingelassen hatte. Ende 1919
lagen die Kostenvoranschläge für den Umbau Laxenburgs vor. Das Staatsamt für Han-
del und Gewerbe, Industrie und Bauten hatte eine Summe von über 3 Mio. Kronen
errechnet und betraute im November 1919 den einarmigen Architekten Karl Grossel-
finger als Vertrauensmann der Invalidenschaft mit der Bauleitung der Adaptierungs-
arbeiten im Schloss Laxenburg.258 In dieser Funktion entwarf Grosselfinger unter
anderem das Gebäude eines Gartenrestaurants am Landungsplatz des Laxenburger
Schlossteiches.259 Wer für die projektierten Kosten des Umbaus aufkommen sollte, war
völlig unklar ; das Staatsamt und die hofärarische Verwaltung schoben einander die
Zuständigkeit zu. Da auch der laufende Betrieb sehr teuer war und eine Besetzung
durch kommunistische Kriegsbeschädigte Ende 1919 nicht mehr drohte,260 sprachen
sich Finanzministerium und Staatsrechnungshof im November 1919 erstmals für eine
Beendigung „des jetzt den Staat schwer belastenden Provisoriums“261 aus.
Zumindest die Eigentumsfrage war mittlerweile geklärt : Seit dem Staatsvertrag
von Saint-Germain vom 10. September 1919262 war die Republik Österreich definitiv
Eigentümerin der auf dem Gebiet Österreichs liegenden dynastischen Güter gewor-
den, und in Konkretisierung der im Habsburgergesetz ausgesprochenen Widmung
wurde am 18. Dezember 1919 der Kriegsgeschädigtenfonds ins Leben gerufen.263 Er
war nun Eigentümer von Laxenburg und konsequenterweise wurde die Behandlung
255 Ebd., Kt. 1554, Sa 29, II. Teil, 32871/1919, StAfsV an StAfH v. 4.12.1919 ; 36969/1919, StAfH an
StAfsV v. 20.12.1919.
256 Ebd., Kt. 1554, Sa 29, II. Teil, 36969/1919, StAfH an Staatskommissariat für Sachdemobilisierung ;
7147/1920, Staatskommissariat für Sachdemobilisierung an StAfsV v. 25.2.1920.
257 Ebd., Kt. 1555, Sa 29, III. Teil, 12221/1920, Invalidenkanzlei an StAfsV v. 21.4.1920.
258 Ebd., Kt. 1386, 18231/1921, Erlass des StAfHGIuB an nö. LR v. 14.11.1919.
259 Ebd., Kt. 1554, Sa 29, II. Teil, 29952/1919, Skizze zu einem projektierten Garten-Restaurations-Gebäude.
260 Ebd., Kt. 1554, Sa 29, I. Teil, 27726/1919.
261 Ebd., Kt. 1554, Sa 29, II. Teil, 34856/1919, Bericht von der Sitzung am 28.11.1919 ; 32432/1919, Pro-
tokoll der Besprechung v. 18.11.1919.
262 StGBl 1920/303, Art 208.
263 StGBl 1919/573. Siehe zum Kriegsgeschädigtenfonds vor allem Peter Böhmer/Ronald Faber, Die Er-
ben des Kaisers. Wem gehört das Habsburgervermögen ?, Wien 2004, S. 47–56, S. 77–87.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918