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307Aufruhr
und Beruhigung : Drei Beispiele
aller offenen Fragen – und damit auch die neuerliche Entscheidung über die Auf-
rechterhaltung der seinerzeitigen Widmung Laxenburgs – ihm zugewiesen.264 Die in
Laxenburg angestellten Kriegsbeschädigten verlangten indes angesichts der massiven
Geldentwertung wiederholt Gehaltserhöhungen, die ihnen – wenn auch nicht immer
im geforderten Ausmaß – stets gewährt wurden ;265 sie kämpften gegen die Einstel-
lung der elektrischen Beleuchtung, die aus Kostengründen am 1. Jänner 1920 dennoch
erfolgte,266 und begehrten – während die Staatsstellen bereits über ihre Absiedlung
nachdachten – immer noch die definitive Übergabe des Schlossgutes.267
Anfang 1920 war dann die Entfernung der Kriegsbeschädigten aus Laxenburg und
die Verwertung des Gutes bei den staatlichen Stellen beschlossene Sache, es ging nun
nur noch darum auszuloten, wie die „Abbauaktion“ zu bewerkstelligen sei. 84 Männer
lebten zu diesem Zeitpunkt noch im Schloss.268 Für sie musste eine Lösung gefunden
werden, von anderen Kriegsbeschädigten war aber großer Widerstand nicht länger zu
erwarten. Die Staatskanzlei nahm sich kein Blatt mehr vor den Mund : „Die seiner-
zeitige Widmung Laxenburgs für die Zwecke der Kriegsbeschädigten habe unter dem
Drucke eines Terrors stattgefunden, und die Zeiten wo man unter ängstlichen Ein-
drücken gehandelt habe, sei[en] gegenwärtig vorüber. Auch die Invalidenschaft werde
gemerkt haben, dass jetzt ein anderer Wind wehe.“269
Das Finanzministerium drängte im Jahr 1920 immer vehementer auf eine rasche
Lösung der Laxenburger Frage.270 Bis zum Mai 1920 war für das Unterfangen bereits
eine Summe von Kr 1,000.000 verausgabt worden.271 Bis Ende 1920 sollten weitere
264 Die grundbücherliche Eintragung des Kriegsgeschädigtenfonds zog sich bis Ende 1923 hin ; BezG
Mödling, Grundbuch, KG Laxenburg, EZ 308, Eintrag v. 10.11.1923 (am 26.2.1938 wurde das Eigen-
tumsrecht an Laxenburg dann für den Familienversorgungsfonds des Hauses Habsburg-Lothringen,
am 1.7.1939 für das Land Österreich und am 10.6.1941 für die Stadt Wien einverleibt). – Die Ver-
handlungen mit dem Kriegsgeschädigtenfonds gestalteten sich anfangs schwierig, weil sich die Ein-
richtung eines Kuratoriums verzögerte und in jeder Angelegenheit direkt mit dem Präsidium Kontakt
aufgenommen werden musste ; z. B. AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1554, Sa 29, II. Teil, 3800/1920,
StAfsV an KGF v. 2.3.1920 ; 9048/1920, KGF an StAfsV v. 22.3.1920.
265 Z. B. ebd., Kt. 1554, Sa 29, II. Teil, 629/1920 ; 4855/1920 ; ebd., Kt. 1555, Sa 29, III. Teil, 1139/1920 ;
11537/1920.
266 Ebd., Kt. 1554, Sa 29, II. Teil, 3990/1920 ; ebd., Kt. 1555, Sa 29, III. Teil, 23163/1920.
267 Ebd., Kt. 1554, Sa 29, II. Teil, 1151/1920 ; 3800/1920.
268 Ebd., Kt. 1555, Sa 29, IV. Teil, 32052/1920.
269 Ebd., Kt. 1554, Sa 29, II. Teil, 1151/1920. Diese Formulierung erregte unter den Kriegsbeschädigten
großen Unmut und wurde später abgeschwächt.
270 Ebd., Kt. 1555, Sa 29, IV. Teil, 3991/1920, 6. Abrechnung der Schlosshauptmannschaft, mit einem
Vermerk des StAfF v. 9.6.1920.
271 Siehe die Auflistung der zwischen August 1919 und Mai 1920 vom Staatsamt für soziale Verwaltung
an die Schlosshauptmannschaft überwiesenen Beträge ; ebd., Kt. 1555, Sa 29, IV. Teil, 16995/1920.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918