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315Konsolidierung
des Zentralverbandes : 1920
Gremium selbst, sondern seien auch einer kontinuierlichen Arbeit abträglich. Hein-
rich Gallos vermittelte zwischen den Konzepten, aber letztlich sagte auch er deutlich :
„Kameraden ! […] Eine Zentralorganisation ist für die Invalidenschaft ebenso notwen-
dig wie bei fast allen Organisationen. Sie muß sein !“313
Die zentralistische Position wurde vor allem von den sozialdemokratisch und ge-
werkschaftlich orientierten Funktionären des Zentralverbandes vertreten. Sie wollten
einen straff organisierten Verband mit einheitlicher Linie und beklagten Disziplinlo-
sigkeit und Selbstständigkeitsbestrebungen nicht nur der Teilorganisationen, sondern
auch der einzelnen Mitglieder :
„Während es der Invalide als organisierter Holz- oder Metallarbeiter […] selbstverständ-
lich findet, daß die Organisation zentralistisch straff zusammengebunden ist, erliegt er als
organisierter Invalider allen möglichen Lockungen, läuft jedem politischen Charlatan [sic]
und Schreier nach. Anstatt sich von der Gewerkschaft das Muster für seine Organisation
zu nehmen, wird über halb- und ganzförderalistische Systeme, autonome Ortsgruppen und
selbständige Landesverbände gepredigt und diese Redensarten werden gläubig nachgebetet.
[…] Jede Ortsgruppe spielt mit Autonomieerklärungen, wenn nicht sofort ihre Wünsche
erfüllt werden, jeder Landesverband läuft selbständig zur Regierung und unternimmt Aktio-
nen, ohne den Zusammenhang der Verhältnisse zu berücksichtigen.“314
Die zermürbende Auseinandersetzung über die geeignetste Organisationsform des
jungen Vereins und die optimale Einbindung seiner Mitglieder verdeckte die Tatsa-
che, dass der Gegensatz zwischen urbanen und ländlichen Regionen, der entgegen
Egkhers Behauptung ein Faktum war, organisatorisch noch nicht bewältigt war. Eine
relativ konfliktreich verlaufende Länderkonferenz hatte Anfang Dezember 1919 zu-
nächst nur die Auseinandersetzungen des zu Ostern abgehaltenen Delegiertentages
fortgesetzt.315 Das schon damals zutage getretene Misstrauen der Provinz gegenüber
313 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1559, Sa 46, 25160/1919, Heinrich Gallos, An die Invaliden Deutsch-
österreichs !, v. September 1919.
314 Arbeiter-Zeitung v. 11.8.1920, zit. nach Der Invalide, Nr. 16 v. 1.9.1920, S. 2. Der Artikel wurde von
einem Funktionär des Zentralverbandes verfasst.
315 Dieses erste gesamtösterreichische Treffen nach dem Delegiertentag vom April 1919 fand am
30.11/1.12.1919 in Wien statt. Die Länderkonferenz (bzw. Landesobmänner-Konferenz) befasste sich neu-
erlich mit der Organisationsstruktur des Verbandes und versuchte – neben der Klärung des Verhältnisses
zu den neben dem Zentralverband entstandenen Vereinen
–, einen Ausgleich zwischen den zentralistischen
und den föderalistischen Bestrebungen herbeizuführen. „Große, schöne und wichtige Aufgaben sind dieser
Konferenz gestellt. Die Zentralorganisation gleicht einem großen Saal, in den seit November 1918 die
Massen unserer Mitglieder in wirren, regellosen Haufen hineingeströmt sind. Sie füllen den Saal aus, und
nun gilt es Ordnung zu machen im Inneren, es gilt jedem seinen Platz anzuweisen, damit einer den anderen
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918