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334 Die Praxis des Invalidenentschädigungsgesetzes
auch im Parlament immer öfter die Frage gestellt wurde, warum die Rentenbemes-
sung so schleppend vor sich gehe, beriet die zuständige Sektion II in Anwesenheit
von Staatssekretär Ferdinand Hanusch das Problem und beauftragte im Jänner 1920
alle Invalidenentschädigungskommissionen, dem Staatsamt mitzuteilen, wie weit die
Erledigung der bisher eingegangenen Anträge vorangeschritten sei.35 Das Ergebnis
dieser Anfrage (Stand 15. Jänner 1920) war ernüchternd :
Tabelle 10 : Stand der Rentenbemessungen (Invalidenrenten) pro Bundesland, 15.1.1920
Quelle : AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1371, 5948/1920
Invalidenentschädigungs-
kommission Anträge auf
Invalidenrenten davon erledigt in %
Ktn 2.032 117 5,8
NÖ (inkl. W) ca. 70.000 650 0,9
OÖ 15.370 1.401 9,1
Sbg 4.832 139 2,9
Stmk ca. 20.000 2.218 11,1
T 5.168 1.120 21,7
V 2.679 123 4,6
Besonders auffällig ist der Rückstau im Bereich der Invalidenentschädigungskom-
mission Wien, die für Wien und Niederösterreich zuständig war36 und wo bis Mitte
Jänner
– das Gesetz war zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als ein halbes Jahr in Kraft
–
nicht einmal 1 % der eingebrachten Anträge erledigt war. Man erkennt allerdings auch,
dass diese Behörde mit Abstand am stärksten beansprucht wurde. In der Folge hatten
die einzelnen Invalidenentschädigungskommissionen dem Sozialministerium monat-
lich über den Stand der Rentenbemessung Bericht zu erstatten. Etwas mehr als zwei
Jahre nach dieser ersten Erhebung des Bearbeitungsstandes, Mitte März 1922, stellte
sich die Situation folgendermaßen dar :
35 Bei der Besprechung wurde die IEK für Tirol als besonders leistungsfähig hervorgehoben. Der Grund
dafür liege darin, „dass die I.E.K. Innsbruck über einen ausgezeichneten von der Landesregierung, mit
welcher im vollsten Einvernehmen gearbeitet wird, verhältnismässig gut dotierten Beamtenkörper ver-
fügt, und dass in Tirol überhaupt der Beamtenapparat unter dem Umsturz anscheinend am wenigsten
gelitten hat“ ; der Erlass an die Invalidenentschädigungskommissionen stammt vom 22.1.1920 ; ebd., Kt.
1370, 2110/1920.
36 Die Behörde blieb auch nach der Trennung von Wien und Niederösterreich im Jahre 1922 für beide
Bundesländer zuständig, 1925 übernahm sie zusätzlich die Agenden des Burgenlandes.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918