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363Resümee
: Vom Entschädigungs- zum Versorgungsgesetz
ten massiv zu schmälern.132 Die Renten scheinen durch diese permanente Entwertung
derart an Bedeutung verloren zu haben, dass sie eben nicht mehr – wie 1919 inten-
diert – das soziale Gefüge einer gesamtgesellschaftlichen Realität berücksichtigten.
Statt in diesem Sinn Entschädigung für einen individuellen Schaden zu leisten, „ver-
kamen“ sie zu einem „Notgroschen“, oder zum bloßen Ausdruck des „Dankes des
Vaterlandes“, der der Kriegsbeschädigtenversorgung ursprünglich anhaftete (und auf
den – das soll hier nicht unerwähnt bleiben – die Kriegsopfer gewissermaßen immer
noch reflektierten). War also der Bedeutungsverlust der Renten ein Grund für die
leichtfertige Verabschiedung von ehemals innovativen gesellschaftspolitischen Kon-
zepten, so mag ein weiterer darin zu finden sein, dass der Zentralverband bei aller
Beteuerung seiner Überparteilichkeit aufgrund seiner faktischen Nähe zur Sozialde-
mokratie schließlich doch in erster Linie jenen gesellschaftlichen Sektor vertrat, der
das sozialdemokratische Wählerpotenzial ausmachte, und auf vermeintlich privile-
gierte Schichten, wie sie dieser Auffassung nach in der obersten Bildungsstufe ver-
treten waren, wenig Rücksicht zu nehmen brauchte. Zudem waren solche Schichten,
die auch auf andere Ressourcen zurückgreifen konnten und für die die Invalidenrente
angesichts ihres geringen Ausmaßes schon lange nur mehr ein Taschengeld bedeutete,
unter den Kriegsbeschädigten wohl tatsächlich unterrepräsentiert.
10.4 Resümee : Vom Entschädigungs- zum Versorgungsgesetz
Nach seiner siebenten Novellierung Mitte 1922 war das IEG kaum noch wiederzu-
erkennen und hatte seine ursprüngliche Konzeption praktisch abgestreift. Durch die
zwangsweise Abfertigung der Empfänger der beiden untersten Rentenstufen wurde
die Gruppe der Rentenbezieher mit einem Schlag nahezu halbiert, und – was viel for-
mal viel schwerer wog – durch die Einführung der Einheitsrente wurde der Anspruch
aufgegeben, bei der Höhe der Entschädigung die soziale Herkunft der Leistungs-
bezieher zu berücksichtigen. Beide Seiten – die Politik bzw. die Bürokratie ebenso
wie die Vertreter der Kriegsbeschädigten – trugen zu gleichen Teilen dazu bei, diese
Neuorientierung der Kriegsbeschädigtenversorgung umzusetzen. Die dahinterliegen-
den Motivationen speisten sich bei beiden Akteuren zu einem erheblichen Teil aus
denselben Quellen : aus dem rapiden Wertverfall der Kronenwährung sowie aus den
massiven Schwierigkeiten, jenes 1919 erdachte System, das geschaffen worden war,
um die Rentenbemessungen und -auszahlungen zu leisten, erfolgreich in Gang zu
bringen. Das Ergebnis – das IEG in der Fassung von 1922 – war, will man es positiv
132 Zur indexgebundenen Erhöhung der Teuerungszulagen vgl. FN 102 in Kapitel 10.3.2.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918