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12 Maßnahmen zur beruflichen Reintegration
Wie beim Invalidenentschädigungsgesetz und den vielen, dieses Gesetz begleitenden
staatlichen Fürsorgemaßnahmen fanden auch bei den Regelungen, die zugunsten
der beruflichen Integration der Kriegsbeschädigten getroffen wurden, zwei – einan-
der nur vermeintlich widersprechende – Interessen zusammen : Die Funktionäre der
Kriegsbeschädigtenorganisationen forderten Begünstigungen für ihre Klientel und
konnten dabei ein gewissermaßen moralisches Recht auf Privilegien als Ausgleich für
die erlittenen Schäden geltend machen. Die staatlichen Organe wiederum wollten
Regelungen schaffen, die es Kriegsbeschädigten trotz ihrer Handicaps erlaubten, in
den Arbeitsprozess zurückzufinden. Nicht selten sollten sich beide Interessenlagen
decken, und gerade was die Wiedereingliederung der Kriegsbeschädigten in zivile
Berufe betraf, konnten die Akteure nicht nur an viele Vorarbeiten und Traditionen
aus der Kriegs- und Vorkriegszeit anknüpfen, sondern bis 1921 tatsächlich auch ei-
niges umsetzen. Zum einen wurde ein Gesetz geschaffen, das Kriegsbeschädigte bei
der Anstellung im Bundesdienst bevorzugt behandelte. Zum anderen mussten bei der
Vergabe von Tabaktrafiken – den Verkaufsstellen des staatlichen Tabakmonopols – zu-
allererst kriegsbeschädigte Bewerber berücksichtigt werden. Und schließlich wurde als
Herzstück der Maßnahmen das Invalidenbeschäftigungsgesetz (IBG) geschaffen, das
gewissermaßen die Realisierung einer schon lange diskutierten Idee war. Obwohl sich
dieses Gesetz in seiner praktischen Auswirkung weniger erfolgreich erwies, als erhofft,
war es die nachhaltigste unter den für Kriegsbeschädigte insgesamt ergriffenen Maß-
nahmen und prägt die Behindertenpolitik Österreichs bis heute.
12.1 Kriegsbeschädigte Bundesangestellte
12.1.1 Privilegierte Staatsanstellungen
Der einfachste Weg, Kriegsbeschädigte in den Arbeitsprozess zu reintegrieren, schien
darin zu bestehen, sie in den Staatsdienst zu übernehmen, sie also zu Beamten zu ma-
chen. In diesem Fall entfiel die Notwendigkeit, an die Gesellschaft zu appellieren, damit
diese ihren Teil der Verantwortung für die Versorgung der Kriegsbeschädigten über-
nahm, der Staatsapparat musste „nur“ sich selbst verpflichten. Die „Bevorzugung von
Kriegsbeschädigten bei allen Anstellungen des Staates, der Länder, der Kreise etc. und
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918