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435Entwicklung
bis 1934
lich zu wenig zur Wahrung der Interessen der Kriegsbeschädigten und Kriegshinter-
bliebenen zu unternehmen. Die Kritik richtete sich gegen die Reorganisation der
Kriegsbeschädigtensektion im Ministerium, gegen die Auflassung der Invalidenämter
und Unterhaltsbeitragsbezirkskommissionen, die Verkleinerung der Invalidenentschä-
digungskommissionen und die Schließung von Heilanstalten und Heimen für Kriegs-
beschädigte (etwa der Tbc-Heilanstalt in Schwaz in Tirol oder des als Invalidenheim
genutzten Schlosses Wilhelminenberg in Wien) – vor allem aber dagegen, dass all
diese Veränderungen einseitig und ohne Einbeziehung der ständigen Invalidenfürsor-
gekommission erfolgten.23 Der Kampf galt jetzt dem Erhalt des Erreichten. In diesem
„Abwehrkampf gegen die Folgen der Genfer Protokolle“24 war die Invalidenbewegung,
der ein zunehmend schärferer Wind um die Ohren blies, freilich nur mehr mäßig er-
folgreich und die weiteren politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der Zwi-
schenkriegszeit ließen den großen Verband Schritt für Schritt in die Defensive geraten.
Die Zurückdrängung der Sozialdemokratie, evident geworden durch das Ausschei-
den der Partei aus der Koalitionsregierung im Herbst 1920, die Inflation vor und die
Stabilisierungskrise nach der Genfer Sanierung zwei Jahre später, der neuerliche wirt-
schaftliche Kollaps in den 1930er-Jahren25 und schließlich die Errichtung des österrei-
chischen „Ständestaates“, eines autoritären klerikalfaschistischen Regimes ab 1933,26
bildeten die Eckpunkte dieser Entwicklung. Hinzu kam die Tatsache, dass der Krieg
zunehmend in Vergessenheit geriet und die Bewältigung seiner unmittelbaren Folgen
nicht mehr so drängend auf der Tagesordnung stand. Das alles waren Faktoren, die
Funktion und Selbstverständnis des Zentralverbandes modifizierten. Aus dem ehemals
kämpferischen Verband, der in den ersten Nachkriegsjahren in der Lage war, jederzeit
mit der Macht der Straße zu drohen, und nicht zuletzt dadurch einiges durchsetzen
konnte, wurde eine zahmere, wenngleich anerkannte und gut integrierte Interessen-
vertretung und Serviceeinrichtung : Der Zentralverband – so analysierte er selbst –
„gewann nach und nach in seiner Innenorganisation den Charakter eines größeren
Wien wurde, was er bis zum Anschluss blieb ; http://www.parlament.gv.at/WW/DE/PAD_01743/pad_
01743.shtml (Abfrage : 2.5.2012) ; http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.s/s286369.htm (Abfrage : 15.5.
2012).
23 [Maximilian Brandeisz], Auf der Linie des geringsten Widerstandes. Die Pläne des Herrn Ministers
Schmitz, in : Der Invalide, Nr. 8–11 v. November 1922, S. 1. Der Zentralverband war auch ungehalten
über die Tatsache, dass er von der Durchführung einer Bekleidungsaktion sowie der Ferienaktion des
Jahres 1922 ferngehalten wurde.
24 „Die nächsten Ziele“, in : Der Invalide, Nr. 1 v. Juli 1923, S. 1f.
25 Zur Wirtschaftsentwicklung siehe z. B. Hans Kernbauer/Fritz Weber, Von der Inflation zur Depression.
Österreichs Wirtschaft 1918–1934, in : Emmerich Tálos/Wolfgang Neugebauer (Hg.), „Austrofaschis-
mus“. Beiträge über Politik, Ökonomie und Kultur 1934–1938, Wien 1984, S. 1–30.
26 Siehe allgemein Tálos/Neugebauer, „Austrofaschismus“.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918