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bis 1934
auf den Brandeisz im Organ des Zentralverbandes mit einem geharnischten Beitrag
antwortete.98 Er beklagte zunächst den „moralischen und sittlichen Tiefstand“ des
Autors, seine „unerhörte Skrupellosigkeit den Kriegsopfern gegenüber“,99 um dann
penibel die Kriegsverletzungen der angegriffenen Männer aufzulisten. Er selbst habe
einen Kopfschuss inklusive Schädelfraktur und rechtsseitiger Lähmung erlitten und
Hirsch habe im Krieg beide Augen und beide Hände verloren und sei auf einem Ohr
taub. Der Reichsbund blieb freilich bei seiner antisemitischen Polemik. Unter dem Titel
„Wir schämen uns !“ griff er 1928 in einem Bericht über die Repräsentanz Österreichs
in der neuen CIAMAC das Argument neuerlich auf : „Die österreichischen Invaliden
sind also durch drei Juden vertreten – was müssen die anderen Länder von Österreich
denken.“100
Antisemitismus und Antibolschewismus dienten den Funktionären des Reichsbun-
des als Codes der Selbstvergewisserung und der Abgrenzung ; Antimonarchismus und
Antimilitarismus erfüllten dieselbe Aufgabe beim Zentralverband. Beide Seiten hatten
ihre Feindbilder, beide Seiten pflegten jeweils eigene Rituale. Von Militärkonzerten,
Fahnenweihen und Abzeichen liest man im Blatt Oesterreichs Kriegsopfer, von Frie-
densdemonstrationen im Invaliden. Während der christlichsoziale Reichsbund keine
Berührungsängste vor Kameradschaftsvereinigungen hatte und seine Mitglieder ge-
meinsam mit den Veteranen in voller militärischer Dekoration über die Wiener Ring-
straße spazierten,101 lehnte der Zentralverband alles ab, was den Krieg verklären konnte.
Er stand Tapferkeitsmedaillen („Mordbandeln“102), Kriegserinnerungsplaketten,103 aber
auch Kriegerdenkmälern104 tendenziell skeptisch gegenüber, füllte seine Zeitung mit
Friedensgrüßen der ehemaligen Feinde und rief dazu auf, kein Kriegsspielzeug zu
kaufen105 und sich an Friedensdemonstrationen zu beteiligen.106 Anfang der 1930er-
98 Vgl. exemplarisch auch andere Entgegnungen des Zentralverbandes auf Attacken des Reichsbundes :
„Perfidie des Drexelverbandes“, in : Der Invalide, Nr. 9 v. 30.9.1925, S. 2f ; „Die Wahrheit“, in : ebd., Nr.
4 v. 30.4.1926, S. 6f ; „Pfui Teufel !“, in : ebd., Nr. 10 v. Oktober 1927, S. 10f.
99 Maximilian Brandeisz, Unerhörte Gemeinheit eines christlichsozialen Wochenblattes, in : ebd., Nr. 11
v. November/Dezember 1926, S. 6.
100 „Wir schämen uns !“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 2 v. Februar 1928, S. 3f, hier S. 3.
101 Diese Demonstration fand anlässlich eines Delegiertentages statt ; „Wir sind die Aufsteigenden … !
Die Tagung der Kriegsopfer Oesterreichs“, in : ebd., Nr. 10 v. Oktober 1926, S. 1f.
102 „Die ‚Frontkämpfer‘ wollen krebsen gehen“, in : Der Invalide, Nr. 10 v. 31.10.1926, S.
8 ; zur Empörung
beim Reichsbund „Die Tapferkeitsmedaillen“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 7 v. Juli 1926, S. 4.
103 „Neue Mittel für die Kriegsopferfürsorge. Die Regierung schafft eine Kriegserinnerungsmedaille – zur
Befriedigung der Eitelkeit“, in : Der Invalide, Nr. 1 v. Jänner 1933, S. 4.
104 „Das ‚Nie-wieder-Krieg‘-Denkmal der Gemeinde Wien“, in : ebd., Nr. 11 v. 30.11.1925, S. 2 (Fotos).
105 Adele Bruckner, Schenkt zu Weihnachten kein Kriegsspielzeug !, in : ebd., Nr. 12 v. Dezember 1930,
S. 8.
106 Z. B. „An Alle, die gegen den Krieg sind“, in : ebd., Nr. 6 v. 30.6.1925, S. 6.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918