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448 Von der Offensive in die Defensive
– Der Zentralverband 1923 – 1938
Jahre protestierte er wie viele andere gegen das Verbot des Remarque-Films „Im Wes-
ten nichts Neues“ und organisierte eine Sonderfahrt für 640 Kriegsbeschädigte nach
Bratislava,107 wo der Film gezeigt wurde. Der Zentralverband führte den Begriff des
Helden tatsächlich viel seltener im Mund und entwickelte für seine Mitglieder ein
anderes Identifikationsmodell, nämlich das des Pazifisten.108
Es liegt nahe, in der intensiven Beschäftigung mit der gegnerischen Organisation
auch eine wichtige Funktion für die eigene Gruppe zu sehen. Häufig wird ja erst in
der Abgrenzung von einem (Außen-)Feind das eigene Profil geschärft und eine he-
terogene Gruppe zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zusammengeschweißt. Bei
einem genaueren Blick auf die Vereinspresse entsteht jedoch der Eindruck, dass es in
all den polemischen Artikeln weniger um die Anbindung der Vereinsmitglieder als
um eine Selbstvergewisserung der Vereinsfunktionäre ging. Seit es um die eigentliche
Politik für Kriegsbeschädigte im Inland stiller geworden war, gewann nicht nur die
internationale Arbeit, sondern auch die Beschäftigung mit dem politischen Gegner
an Gewicht. So war die Zeit der innenpolitischen Stagnation für den Zentralverband
zugleich eine Phase hoher internationaler Regsamkeit, aber auch eine Phase, in der
die eigenen Funktionäre mit jenen des gegnerischen Vereins spezielle Fehden austru-
gen, die mit Kriegsopferpolitik nur mehr wenig zu tun hatten, was letztlich zu einer
zunehmenden Abkoppelung von den Mitgliedern führte. Daran sollte sich bis 1934
wenig ändern.
13.1.3.4 Zunehmende Lagerbildung
Die Feindschaft zwischen Zentralverband und Reichsbund erfuhr durch die Ausein-
andersetzungen des 15. Juli 1927, als aufgebrachte sozialdemokratische Demons-
tranten den Justizpalast in Wien in Brand steckten, eine neuerliche Zuspitzung. Die
107 „Wie man den Kriegsopfern das Geld herauslockt“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 2 v. 15.2.1931,
S. 7. Tausende fuhren von Wien nach Bratislava, um den verbotenen Film zu sehen ; Bärbel Schrader
(Hg.), Der Fall Remarque. Im Westen nichts Neues. Eine Dokumentation, Leipzig 1992, hier S. 279f.
108 Zur ganz ähnlichen Situation in Deutschland (wo die sozialdemokratische Vereinigung den Namen
Reichsbund trug) : Weiß, Soldaten des Friedens. Zur Tschechoslowakei : Natali Stegmann, Deutsche
Kriegsgeschädigte in der Tschechoslowakei 1918–1938, in : Bohemia. Zeitschrift für Geschichte und
Kultur der böhmischen Länder, 48 (2008) 2, S. 440–463, hier S. 457ff. Oswald Überegger behauptet,
dass der Kriegsinvalide dem politischen Diskurs der Sozialdemokratie als „zentrale Erinnerungsfi-
gur“ diente ; Oswald Überegger, Erinnerungskriege. Der Erste Weltkrieg, Österreich und die Tiroler
Kriegserinnerung in der Zwischenkriegszeit (= Tirol im Ersten Weltkrieg : Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft 9), Innsbruck 2011, S. 198. Siehe allgemein Benjamin Ziemann, Die Konstruktion des
Kriegsveteranen und die Symbolik seiner Erinnerung 1918–1933, in : Jost Dülffer/Gerd Krumeich
(Hg.), Der verlorene Frieden. Politik und Kriegskultur nach 1918, Essen 2002, S. 101–118.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918