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458 Von der Offensive in die Defensive
– Der Zentralverband 1923 – 1938
In den zwei Jahren, während derer der Kriegsopferverband operierte, wurde er in hoh-
len Phrasen zwar als die „ständestaatliche“ Kriegsopferorganisation präsentiert, führte
aber doch
– anderen Einrichtungen jener Jahre nicht unähnlich171
– gewissermaßen ein
Scheindasein. Die „ständestaatliche“ Ideologie, die sich im Wesentlichen über einige
wenige Versatzstücke definierte und sich mit den Begriffen antidemokratisch, antimar-
xistisch, antiliberal, papsttreu und streng konservativ charakterisieren lässt, konnte in
der Rückwärtsgewandtheit und Realitätsferne, mit der sie die Gesellschaft in Berufs-
stände umgliedern wollte, einer Kriegsopferorganisation anfangs keinen rechten Platz
zuweisen. Nie wurde etwa thematisiert, dass die Zusammenfassung von Kriegsbeschä-
digten in einer Interessenvertretung einem System, das gesellschaftliche Gegensätze
grundsätzlich leugnete, eigentlich widersprach. Die Tatsache, dass der neue Obmann
der Organisation zugleich der Regierung angehörte, nahm dem Verein zudem sein
ureigenes Selbstverständnis und vor allem sein Gegenüber. Seit 1918 war der Staat,
repräsentiert durch die Regierungsvertreter, das logische Vis-à-vis der Interessenver-
tretung gewesen. Diese Konstruktion brach nun auseinander ; den Kriegsbeschädigten
und Kriegshinterbliebenen war damit der Adressat für ihre Forderungen genommen
worden. Emil Fey konnte seine im Grunde haarsträubende Doppelrolle als Vertreter
der Kriegsopfer und als Vertreter der Regierung nur mit floskelhaftem Populismus ka-
schieren. Mehr als dass er – wie in einer Grundsatzrede in Graz, anlässlich derer er
„seine alte Feldbluse herausgesucht und angezogen“172 hatte – Kriegsopfern im neu auf-
zubauenden Österreich einen Ehrenplatz, nämlich „den ihnen gebührenden Platz des
Nachkriegsanfrage eines Wiener Notars wird der Akt geschlossen). Wenn man einen Vergleich mit
Deutschland und der Gleichschaltung der dortigen Vereinslandschaft nach der NS-Machtergreifung
ziehen will, so macht es eher Sinn, diese „freiwillige“ Auflösung des Zentralverbandes in den Jahren des
Ständestaates in den Blick zu nehmen, als das Ende des ständestaatlichen Vereins nach dem Anschluss,
das ja bloß in der Übernahme einer bereits autoritär geführten Organisation durch eine andere bestand.
Dass der Protest in beiden Ländern so gering war, dürfte jedoch viel stärker mit der allgemeinen Läh-
mung infolge der angedrohten und auch ausgeübten Gewalt der neuen Regime zusammengehangen
haben, als mit der Tatsache, dass die Kriegsbeschädigten – durch ihre Leiden gleichsam infantilisiert –
in eine Passivität geraten waren, die sie tatenlos zusehen ließ, wie ihre Organisationen zerschlagen
wurden, wie das Whalen behauptet, der an diese These einen gewagten, ins Psychoanalytische gehenden
Vergleich mit dem Selbstmord anschließt ; Robert Weldon Whalen, Bitter Wounds. German Victims of
the Great War, 1914–1939, Ithaca-London 1984, S. 187–191.
171 Speziell die berufsständische Ordnung blieb im Proklamationsstadium stecken ; etwa Emmerich Tálos,
Das Herrschaftssystem 1934–1938 : Erklärungen und begriffliche Bestimmungen. Ein Resüme, in : Tá-
los/Neugebauer, „Austrofaschismus“, S. 267–284, bes. S. 277.
172 Die Rede fand am 10.3.1935 statt ; „Der Reichsführer spricht zu den steirischen Kriegsopfern“, in :
Österreichische Kriegsopfer-Zeitung, Nr. 4 v. April 1935, S. 3f, hier S. 3 : „Ich bin hergekommen nicht
als Minister, nicht als Politiker oder öffentlicher Funktionär, sondern als Kamerad zu Kameraden“.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918