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460 Von der Offensive in die Defensive
– Der Zentralverband 1923 – 1938
die Zusicherung, dass er der einzige Kriegsopferverein innerhalb der Vaterländischen
Front bleiben würde, und betonte von diesem Zeitpunkt an – sich der neuen Diktion
bedienend –, dass er immer schon „vaterländisch“180 orientiert gewesen sei. Er konnte
sich aber in der Folge nicht als die von der Regierung gewünschte überparteiliche Ein-
heitsvertretung aller Kriegsopfer durchsetzen und musste schließlich dem im Frühjahr
1936 neu geschaffenen und das Programm bereits im Namen tragenden Einheitsver-
band der Kriegsopfer weichen.
Bis dahin war der Reichsbund in heftige Streitigkeiten mit Feys Kriegsopferverband
verstrickt, dem er sich als einziger Verein nicht angeschlossen hatte.181 Es war – wie
im Ministerrat rückblickend drastisch formuliert wurde – ein Kampf „auf Tod und
Leben“182 gewesen. Schon in den ersten Monaten nach dem Bürgerkrieg im Februar
1934 sah sich der Reichsbund in einer Weise ins Abseits gedrängt und bekämpft, die
ihn die früheren Auseinandersetzungen mit dem Zentralverband geradezu in einem
milden Licht erscheinen ließ :
„Während der 14 Jahre seines Bestandes hat der Reichsbund niemals eine solche Situation er-
lebt und wurde nie in eine solche Abwehrstellung gedrängt, wie in den letzten zwei Monaten.
Es gab früher manchmal rauhe [sic] Kämpfe und es fielen harte Worte zwischen den beiden
Organisationen der Kriegsopfer, dem Reichsbunde und den Verbänden des Zentralverbandes,
doch was jetzt kam, an das konnten wir nie denken, dafür fehlte uns jede Einstellung.“183
Wofür dem Reichsbund seiner eigenen Aussage nach „jede Einstellung“ fehlte, war der
Versuch Emil Feys, auch den christlichsozialen Verein in den Kriegsopferverband zu
zwängen, und die Tatsache, dass der Vizekanzler dabei vor brutalen Methoden wie
Vermögensbeschlagnahmungen und Versammlungsverboten184 nicht zurückschreckte.
Dass Fey eine Kriegsopferorganisation aufbaute, die nicht auf der Struktur des Reichs-
bundes, sondern auf der des gleichgeschalteten Zentralverbandes aufsetzte, war für den
Langzeitobmann Karl Drexel und die übrigen Funktionäre des Reichsbundes schwer zu
180 „Der Reichsbund stellt fest“, in : ebd., Nr. 12 v. Dezember 1933, S. 2f, hier S. 2 ; vgl. auch AT-OeStA/
AdR BKA BKA-I BPDion Wien VB, VIII 2864 (Reichsbund der Kriegsopfer Österreichs), „Vom
Reichsbund der Kriegsopfer“, in : Kleines Volksblatt v. 30.3.1934, S. 3 (Zeitungsausschnitt).
181 Ebd., Bericht des Bezirkspolizeikommissariats Innere Stadt in Wien v. 2.9.1935.
182 Schuschnigg im MRP 1032/7 v. 19.6.1936, in : Protokolle des Ministerrates der Ersten Republik, Ab-
teilung IX, Bd. 5, S. 249–256, hier S. 253.
183 „Urteilet selbst“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 3/4 v. März/April 1934, S. 1f, hier S. 1.
184 Der Reichsbund klagte im Frühjahr 1935 über die Sicherstellung des Vermögens von Ortsgruppen und
das teilweise Verbot von Verbandsversammlungen und später darüber, dass er finanziell ausgehungert
werden solle ; „Zur Steuer der Wahrheit“, in : ebd., Nr. 6/7 v. Juni/Juli 1935, S. 8 ; „Wie die Einigungs-
bestrebungen gefördert werden“, in : ebd., Nr. 8/9 v. August/September 1935, S. 4.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918