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461Entwicklung
nach 1934
verkraften. Eine Fusion mit dem größeren und von der Heimwehr dominierten Kriegs-
opferverband war für den Reichsbund ebenfalls unvorstellbar, denn da hätte eindeutig
der Reichsbund das Nachsehen gehabt.185 Fey, der einen solchen Zusammenschluss
anstrebte, konnte ihn auf diktatorischem Weg jedoch nicht durchsetzen, da auch der
Konkurrenzverein über gewichtige Fürsprecher im neuen Regime verfügte : Niemand
geringerer als Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der übrigens 1921/1922 ein Jahr lang
selbst Beamter des Wiener Invalidenamtes gewesen war,186 fungierte nämlich als „Pro-
tektor“ des Reichsbundes.187 Dieses „Protektorat“ währte zwar nur wenige Monate
– bis
zur Ermordung Dollfuß’ am 25. Juli 1934188 –, doch war es für den Reichsbund ein
Leichtes, seine Legitimation auch danach vom obersten politischen Repräsentan-
ten herzuleiten. Es genügte, dass er den allgemeinen Dollfuß-Märtyrerkult für seine
Zwecke instrumentalisierte. Die wiederholte Berufung auf den toten Kanzler, des-
sen „Wunsch und Wille“ es gewesen sei, eine „rot-weiß-rote“ Einheitsorganisation der
Kriegsopfer zu schaffen, und die Stilisierung des Reichsbundes zum „treue[n] Hüter des
Vermächtnisses unseres Protektors, des Märtyrerkanzlers“ bildeten einen ebenbürtigen
Ersatz für die vom lebenden Kanzler übernommene Schirmherrschaft.189
So standen einander Reichsbund und Kriegsopferverband – jeweils durch verschie-
dene Fraktionen derselben Partei unterstützt – zwei Jahre lang gleichsam in einer
Pattstellung gegenüber. In diesem Machtkampf generierte sich nun paradoxerweise
ausgerechnet der Reichsbund als die pazifistische und demokratische Alternative zum
autoritär geführten Kriegsopferverband. Zum einen sprach sich Karl Drexel, der Ob-
mann des Reichsbundes, dagegen aus, Kriegsopfer in eine militante Gruppe zu pressen,
und sah darin – wohl nicht zu Unrecht – eine Instrumentalisierung dieser Personen-
gruppe für die Heimwehr.190 Zum anderen wollten sich die meisten Funktionäre des
Reichsbundes dem „diktatorischen Führersystem“191 des Kriegsopferverbandes nicht un-
terwerfen – und das umso weniger, als sie sich im eigenen Führungsanspruch missach-
185 Vgl. dazu „Urteilet selbst“, in : ebd., Nr. 3/4 v. März/April 1934, S. 1f, S. 1.
186 „Eine Dollfuß-Gedenktafel im Landesinvalidenamte für Wien, Niederösterreich und Burgenland“, in :
ebd., Nr. 1/2 v. Jänner/Februar 1936, S. 4.
187 „Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß. Protektor des Reichsbundes der Kriegsopfer Österreichs“, in :
ebd., Nr. 5/6/7 v. Mai/Juni/Juli 1934, S. 1 ; „Länderkonferenz des Reichsbundes der Kriegsopfer Öster-
reichs“, in : ebd., S. 7.
188 Dollfuß wurde im Zuge eines letztlich misslungenen Putsches von österreichischen Nationalsozialisten
ermordet.
189 „Kameraden !“, in : ebd., Nr. 4/5 v. April/Mai 1935, S. 1 ; vgl. auch „Unser Protektor Engelbert Doll-
fuß †“, in : ebd., Nr. 8/9 v. August/September 1934, S, 1.
190 Vgl. dazu „Urteilet selbst“, in : ebd., Nr. 3/4 v. März/April 1934, S. 1f, hier S. 1.
191 „Unser Abwehrkampf : Für Wahrheit und Recht“, in : ebd., Nr. 5/6/7 v. Mai/Juni/Juli 1934, S. 11f, hier
S. 12.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918