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472 Von der Offensive in die Defensive
– Der Zentralverband 1923 – 1938
Die Frage der Geduld stellte sich schon bald nicht mehr. Als die österreichische
Vereinslandschaft nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische
Deutschland im März 1938 gleichgeschaltet wurde, bedeutete das auch das Ende des
österreichischen Einheitsverbandes. Er wurde zuerst unter kommissarische Verwaltung
gestellt255 und im Sommer 1938 mit seinem gesamten Vermögen in sein reichsdeut-
sches Pendant, die NS Kriegsopferversorgung, überführt.256 Dem prononciertesten Ver-
treter der österreichischen Kriegsbeschädigten, Maximilian Brandeisz, der schon seit
mehr als einem Jahrzehnt wegen seiner jüdischen Herkunft diversen Diffamierungen
ausgesetzt, zuletzt aber nicht mehr aktiv gewesen war, gelang unmittelbar nach der
nationalsozialistischen Machtübernahme über Italien, die Schweiz, Frankreich, Spa-
nien und Portugal schließlich im April 1941 die Flucht in die USA, wo er – seit
1949 US-amerikanischer Staatsbürger – bis zu seinem Tod im Jahr 1996 lebte.257 Ei-
nen Kriegsopferverein, der seine Funktion als Interessenvertretung wahrnahm, gab
es in Österreich erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder, als 1945 der von Anfang
an als überparteiliche Organisation geschaffene Österreichische Kriegsopferverband
gegründet wurde.258
13.2.3 Resümee : Die Idee einer einheitlichen Kriegsopfervertretung und ihre Perversion
Die Idee, dass Kriegsbeschädigte eine Gruppe bildeten, deren Mitglieder schon im
Krieg als verwundete oder erkrankte Soldaten die gleichen Erfahrungen gemacht
hatten und später als befürsorgte Rentenempfänger wieder machten, führte früh zur
Vorstellung, dass diese Gruppe gemeinsam auftreten sollte, um ihre Rechte zu wah-
ren. Die Idee des Einheitsverbandes war so alt wie die Invalidenbewegung selbst. In
Österreich wurde sie vor allem vom Zentralverband vertreten, der auch tatsächlich
anfangs
– trotz verschiedener Abspaltungen in Wien
– das Feld allein beherrschte und
selbst später – als der Reichsbund hinzukam – seine übermächtige Stellung behaupten
konnte und bis zum Februar 1934 die mit Abstand wichtigste Kriegsbeschädigtenor-
ganisation Österreichs war.
255 Kommissarischer Leiter aller Kriegsopferverbände war Josef Buhl.
256 Zur Auflösung des Einheitsverbandes siehe AT-OeStA/AdR ZNsZ Stiko Wien, Kt. 697, 38A-1 1
(Einheitsverband der Kriegsopfer Österreichs).
257 Zu den biografischen Daten siehe AT-OeStA/AdR E-uReang Hilfsfonds, 19386 ; ebd., 5243 ; ebd.,
13072 ; http://www.parlinkom.gv.at/WW/DE/PAD_00161/pad_00161.shtml (Abfrage : 4.5.2012) ; Ma-
xi milian Brandeisz, „Das Hakenkreuz hat uns davor bewahrt, verhaftet zu werden“, in : Gerhard Jelinek
(Hg.), Nachrichten aus dem Vierten Reich, Salzburg 2008, S. 45–50.
258 Friedrich Karrer, Geschichte der Kriegsopferorganisationen 1919–1979, in : Wilhelm Hasiba (Hg.), 60
Jahre Kriegsopferversorgung in Österreich, o. O. [Wien] 1979, S. 37–40.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918