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474 Von der Offensive in die Defensive
– Der Zentralverband 1923 – 1938
renden Einrichtungen zu stülpen, und dieser Versuch sich erst nach zwei Jahren als
missglückt herausstellte und von der Regierung, innerhalb derer sich außerdem mitt-
lerweile die Machtverhältnisse verschoben hatten, durch die zwangsweise Anordnung
eines Einheitskriegsopferverbandes beendet wurde. Außer dass der zuerst als „stände-
staatliche“ Einheitsorganisation ausgerufene Kriegsopferverband zwischen 1934 und
1936 die vom Zentralverband übernommenen Vermögenswerte vernichtete und einen
bedeutenden Teil der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen als Mitglieder
verlor, war nicht viel geschehen.
Der „Ständestaat“ war eine Diktatur und begriff seinen Einheitsverband natürlich
nicht als Verein, der – demokratischen Spielregeln gehorchend und von gewählten
Funktionären geleitet – die Interessen seiner Mitglieder vertrat, indem er ihren Rech-
ten und Forderungen zum Durchbruch zu verhelfen suchte. Im „Ständestaat“ war die
Kriegsopferorganisation nicht mehr eine Organisation der Kriegsbeschädigten, son-
dern eine Organisation für sie. Und alles spricht dafür, dass diese Entpolitisierung
einen großen Teil der (vor allem sozialdemokratischen) Mitglieder vertrieb. Das rhe-
torische Angebot der gesellschaftlichen Aufwertung der Kriegsbeschädigten – das
einzige Angebot, das die neue Regierung machte – war ein schwacher Ersatz. Zwar
hatte auch der Zentralverband immer mit dem Hinweis auf die besondere Stellung und
Leistung der Kriegsbeschädigten operiert, doch während diese Argumentation beim
Zentralverband immer eine Forderung nach materieller Besserstellung unterstreichen
sollte, also strategisch eingesetzt wurde, war sie nun restlos zur hohlen Phrase geron-
nen, weil sie über sich hinaus nichts mehr bezweckte und bloß als Parole fungierte.
Die Anerkennung der für das Vaterland geleisteten Opfer, die Kriegsopfern vor allem
auf der symbolischen Ebene gezollt wurde, konnte Sozialpolitik freilich nicht ersetzen.
Doch sie konnte sie möglicherweise „verbilligen“. Im Nationalsozialismus wurde diese
Entwicklung dann weitergeführt und perfektioniert.262
262 Siehe dazu z. B. James M. Diehl, Victors or Victims ? Disabled Veterans in the Third Reich, in : Journal
of Modern History, 59 (1987) 4, S. 705–736 ; Nils Löffelbein, „Die Kriegsopfer sind Ehrenbürger des
Staates !“ : Die Kriegsinvaliden des Ersten Weltkriegs in Politik und Propaganda des Nationalsozia-
lismus, in : Gerd Krumeich/Anke Hoffstadt/Arndt Weinrich (Hg.), Nationalsozialismus und Erster
Weltkrieg, Essen 2010, S. 207–225.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918