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476 Statistik der Kriegsopfer
14.1 Die Nachkriegsjahre
14.1.1 Die Kriegsbeschädigten
Gezählt wurden Kriegsbeschädigte ab Mitte 1915.2 Die Agenden der Kriegsbeschä-
digtenversorgung lagen zu dieser Zeit noch beim Ministerium des Innern ; mit der
Gründung des Ministeriums für soziale Fürsorge ging die Führung der Kriegsbeschä-
digtenstatistik Anfang 1918 an dieses über.3 Praktisch war die Zählung so organisiert,
dass die Militärverwaltung für die Erfassung der Kriegsbeschädigten verantwortlich
war, die in den Kriegsspitälern untergebracht waren, während die Zählung jener, die in
zivilen Spitälern behandelt wurden, den Landesverwaltungen der jeweiligen Kronlän-
der oblag.4 Der deklarierte Zweck der Statistik war, wie die Anleitung zum Ausfüllen
der Zählkarten festhielt,
„einen Überblick über jene kriegsbeschädigten österreichischen Staatsangehörigen zu gewin-
nen, die einer besonderen Heilbehandlung oder eines Unterrichtes bedürfen, um der bürgerlichen
Erwerbstätigkeit, wenn auch mit verminderter Erwerbsfähigkeit, wieder zugeführt zu werden.
Diese Personen sollen auf diese Weise nicht nur gezählt, sondern auch nach Art und Umfang
des Bedürfnisses nach einer spezifischen Fürsorge gruppiert werden.“5
Wie nicht anders zu erwarten, ging es den Behörden also nicht bloß um die schlichte
Erhebung der Zahl von Verwundeten (und Erkrankten), sondern vielmehr um eine
möglichst detaillierte Aufstellung, die eine staatliche Gesamtplanung des Bedarfes an
Einrichtungen im Rahmen der sozialen Kriegsbeschädigtenfürsorge6 erlaubte.
2 Der ungarische Teil der Monarchie begann mit der Erhebung der Zahlen bereits Anfang 1915, das
österreichische Innenministerium griff die Idee, auf Basis der erhobenen Zahlen einen statistischen
Überblick auch für Cisleithanien zu erstellen, erst auf Anregung des Kriegsministeriums auf. Kurzfristig
wurde dann im Oktober 1916 angedacht, die Zählung aufgrund der hohen Kosten wieder einzustellen,
nun aber ersuchte das Innenministerium das Kriegsministerium, die Zählung fortzuführen, weil es für
die Planung von Fürsorgemaßnahmen auf die Daten nicht verzichten konnte ; AT-OeStA/AdR BMfsV
Kb, Kt. 1363, 24911/1918, Bericht Sektionschef Haan über den Hintergrund der Statistik.
3 An der Aufbereitung der Statistik nach ihrer Übernahme durch das Sozialministerium waren anfänglich
bis zu 30 Personen beschäftigt. Im Ministerium wurde eine Kartothek angelegt, in der die Zählkarten
nach Kronländern getrennt alphabetisch abgelegt wurden ; über den Verbleib der Kartothek ist nichts
bekannt ; ebd.
4 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen über Fürsorge für Kriegsbeschädigte, Wien 1915, S. 20.
5 Anleitung zur Ausfüllung der Ausweise über die kriegsbeschädigten Militärpersonen österreichischer
Staatsangehörigkeit, abgedruckt in : ebd., S. 22.
6 Vgl. Kapitel 3.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918