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478 Statistik der Kriegsopfer
samtstatistik produzierte.7 Erhoben wurden Alter, Beruf, Heimatzuständigkeit, letzter
Wohnort sowie die Art der Beschädigung. Die letzte dieser Gesamtzusammenstel-
lungen – es war zugleich die erste, die das Sozialministerium zu verantworten hatte –
stammt vom März 1918 und verzeichnet 161.779 Kriegsbeschädigte. Die Aufteilung
dieser Zahl auf Kronländer und Berufe ist der Tabelle 15 zu entnehmen.
Tatsächlich darf die Aussagekraft dieser Zahlen bezüglich der Frage, wie viele Be-
schädigte der Krieg bis zum März 1918 produziert hatte, nicht überbewertet werden.
Nachdem das Sozialministerium die Führung der Statistik vom Innenministerium
übernommen hatte, versuchte die zuständige Sektion, die Qualität der gesammelten
Daten zu evaluieren. Abgesehen von zahlreichen Problemen, die dem Umstand ge-
schuldet waren, dass die Statistik „für den dringlichen Gebrauch bestimmt war“8 –
mit anderen Worten : Schnelligkeit war wichtiger als Akkuratesse –, litt die Qualität
der Daten – so das Ergebnis der ministeriellen Einschätzung – vor allem darunter,
„daß viele der verpflichteten Stellen ihrer Pflicht zur Ausfüllung nicht nachgekommen
sind“. Die Zahl der Kriegsbeschädigten war also mit Sicherheit viel höher. Trotzdem
kam man zum Schluss, dass die Angaben, insbesondere was die Aufteilung der Kriegs-
beschädigten auf die verschiedenen Berufsgattungen betraf – und auf diese Informa-
tion war das Sozialministerium besonders erpicht –, genug Repräsentativität besäßen,
um auf ihrer Basis Fürsorgemaßnahmen zu planen. Bei der Verteilung der Kriegs-
beschädigten auf Berufe der Land- und Forstwirtschaft sowie Berufe der Industrie,
des Handels, Gewerbes und Bergbaus zeigten sich dem Industrialisierungsgrad der
einzelnen Kronländer entsprechende Differenzen, im Gesamtbild überwogen die An-
gehörigen der zweiten Gruppe, während aus der Land- und Forstwirtschaft stam-
mende Kriegsbeschädigte im Durchschnitt rund 40 % ausmachten. Die Zahlen jener
Kronländer, die das spätere Österreich bildeten, wichen hier in ihrer Gesamtheit nicht
vom allgemeinen Trend ab.
Ein Problem jedoch, dass die Beamten des Ministeriums sofort erkannten, bildete
die Aggregierung der Daten entlang des Heimatrechtes und nicht entlang des letzten
bürgerlichen Wohnsitzes. Es wäre essenziell gewesen, hier eine Unterscheidung zu
treffen, da der letzte Wohnort nicht nur „den Ort anzeigt, nach dem die Kriegsbeschä-
digten gewiss im Gros der Fälle zurückgravitieren“, sondern im Fall der Invalidenfür-
sorge zugleich den „Fürsorgewohnsitz“ begründete, während in allen anderen Fällen
jegliche Sozialfürsorge an das Heimatrecht gebunden war.9
7 Derartige Zusammenstellungen liegen vor mit Stand vom 31.12.1915, 31.3.1916, 30.9.1916, 31.12.1916,
31.3.1917, 30.9.1917 und zuletzt 31.3.1918 ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1363, 24911/1918.
8 Ebd. Sofern nicht anders angegeben, stammen die Zitate im Folgenden aus diesem Akt.
9 Dass der Wohnort zugleich „Fürsorgewohnsitz“ war, stellte ein Novum dar und galt nur im Bereich der
Kriegsbeschädigtenversorgung ; vgl. Kapitel 2.4.1.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918