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504 Statistik der Kriegsopfervereine
15.2 Zahlen
15.2.1 Hoher Organisierungsgrad zu Beginn
Die ersten von österreichischen Kriegsopfervereinen überlieferten Mitgliederzahlen
sind nicht überprüfbar. Eine geordnete Mitgliederzählung war in den chaotischen
Wochen und Monaten nach dem Ende des Krieges auch gar nicht möglich. Selbst
nach einjähriger Tätigkeit konnte der Zentralverband in Ermangelung eines, ganz
Österreich umfassenden, Zentralkatasters noch immer keine genauen Angaben über
die Anzahl der von ihm vertretenen Personen machen.22 Trotzdem hatte er schon im
Jänner 1919 selbstbewusst von 170.000 oder gar 200.000 Mitgliedern gesprochen.23
Für das Staatsamt für soziale Verwaltung waren die genauen Mitgliederzahlen des
Zentralverbandes anfangs noch irrelevant, durfte dieser zunächst doch noch „als die
nahezu restlose Vertretung der Invalidenschaft angesehen werden“24. Das änderte sich
erst mit der Bildung anderer Vereinigungen im Laufe des Jahres 1919. Das Staatsamt
hatte nun ein begründetes Interesse an einem nachvollziehbaren Überblick über die
Mitgliederzahlen der einzelnen Vereine und verpflichtete sie auf die Vorlage genauer
Mitgliederverzeichnisse.25 Die erste, auf Wunsch des Staatsamtes durch die Invaliden-
entschädigungskommissionen durchgeführte Erhebung zog sich von Mitte 1919 bis
gegen Ende 1920 über mehr als ein Jahr hin.26 Die einlangenden Mitgliederangaben
waren zum Teil bloße Schätzungen und konnten oft schon damals nicht überprüft wer-
den, sie bezogen sich darüber hinaus auf völlig unterschiedliche Stichtage, was gerade
in dieser Anfangszeit, als das Feld stark in Bewegung war, ein zusätzliches Problem
darstellte. Dennoch deuten die Informationen auf einen sehr hohen Organisierungs-
grad hin. Wie weiter oben bereits ausgeführt, waren im Herbst 1919 offenbar allein in
Wien etwa 120.000 Personen in Kriegsbeschädigtenvereinen organisiert.27 Zusammen
mit den Meldungen aus den übrigen Bundesländern kommt man für 1919/1920 auf
22 „Ständige Fürsorgekommission für Invalide“, in : Nachrichten Zentralverband, Nr. 4 v. Mai 1920, S. 3f.
23 A[rtur] v. Sch[iel], Der Zentralverband der deutschösterreichischen Kriegsbeschädigten. Werden, Auf-
gabe und Organisation, in : Der Invalide, Nr. 1 v. 1.1.1919, S. 2f, hier S. 2 ; A[dolf] Deutsch, Merkblatt
für Invalide. Zur Wiedereinführung ins Erwerbsleben, in : ebd., Nr. 3 v. 1.2.1919, S. 1–3, hier S. 1.
24 Staatsamt für soziale Verwaltung, Amtliche Nachrichten, Wien 1920, S. 35 ; vgl. auch AT-OeStA/AdR
BMfsV Kb, Kt. 1367, 21310/1919.
25 StGBl 1919/591, § 4. AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1369, 36951/1919, Kundmachung v. 5.1.1920.
26 Auf die erste, im August 1919 ergangene Aufforderung an die Invalidenentschädigungskommissionen
langten aus manchen Bundesländern zunächst gar keine Meldungen ein. Bei einer Mitte Mai 1920 im
Staatsamt für soziale Verwaltung abgehaltenen Sitzung konnten die Vertreter mancher Invalidenent-
schädigungskommissionen vollständige Daten der Kriegsbeschädigtenorganisationen immer noch nicht
liefern, weshalb das Staatsamt nochmals genaue Anweisungen erteilte ; ebd., Kt. 1559, Sa 44, 11309/1920.
27 Ebd., Kt. 1559, Sa 44, 27588/1919 ; vgl. auch Kapitel 9.1.1.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918