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515Zahlen
Jahre etwas zugunsten des Reichsbundes verschob. Das legt jedenfalls die einzige je-
mals durchgeführte Auszählung nahe, die für das Burgenland (die Auszählung fand
nur dort statt) – im Jahr 1928 ein Verhältnis von 75 % im Zentralverband zu 25 %
im Reichsbund organisierten Kriegsbeschädigten ergab.62 Die allgemeine politische
Entwicklung – die sich in den 1920er- und 1930er-Jahren zuspitzende ideologische
Polarisierung, die Tatsache, dass die sozialdemokratische Partei nach 1920 nie mehr
an der Regierung beteiligt war, sowie der ausgeprägte und sich auch noch verschär-
fende Gegensatz zwischen dem „Roten Wien“ und den christlichsozial und katholisch
geprägten ländlichen Gebieten – fand auf diese Weise auch in der Entwicklung der
Kriegsopfervereine ihren Niederschlag.
Die genannten Daten zum zahlenmäßigen Verhältnis der Mitglieder des Zentral-
verbandes zu den Mitgliedern des Reichsbundes (92 zu 8 für die Steiermark im Jahr
1921 und 75 zu 25 für das Burgenland im Jahr 1928) können noch ergänzt werden
durch den Aufteilungsschlüssel für Mandate. Auch dieser vermittelt ja einen gewis-
sen Eindruck von den Kräfteverhältnissen der beiden Verbände, und er lag, wie oben
ausgeführt, bei 66 zu 34. Dieser Verteilungsschlüssel blieb jahrelang aufrecht. Ob er
das Kräfteverhältnis halbwegs exakt widerspiegelte, ist unbekannt, aber dass er es tat,
durchaus möglich. Zentralverband und Reichsbund sahen sich jedenfalls wechselseitig
benachteiligt.
Während das Sozialministerium angesichts der mangelhaften Mitgliederlisten63 An-
fang 1923 noch resignierte und lapidar feststellte, dass „einerseits ein Bedürfnis für eine
solche Ueberprüfung nicht vorliegt, andererseits aus politischen Gründen zur Vermei-
dung von allerlei Weiterungen eine solche nicht ratsam erscheint und es sich daher
empfehlen [dürfte], auch für dieses Jahr bis auf Weiteres von einer solchen Ueberprü-
fung abzusehen“,64 war die Situation vier Jahre später eine andere. 1927 beschloss das
Ministerium erstmals, zur Klärung der Situation die Mitglieder der Wiener Vereine
wirklich auszuzählen. Der Zentralverband und der Reichsbund erklärten unisono, vor
einer solchen Zählung keine Angst zu haben und jeweils selbst Urheber der Idee zu
62 Zu dieser Auszählung siehe weiter hinten.
63 Die Erstellung dieser Listen war offenbar vor allem für die mitgliederstarken Verbände eine große fi-
nanzielle Belastung. Der steirische Landesverband des Zentralverbandes schrieb : „Wenn zwar der Lan-
desverband die Notwendigkeit einer amtlichen Ueberprüfung der Mitgliederstände anerkennt, so kann
er sich doch der berechtigten Ansicht nicht verschliessen, dass durch die alljährlich vorzulegenden ge-
samten Listen nicht nur grosse materielle, sondern auch schwere finanzielle Opfer seitens der Organisa-
tionen gebracht werden müssen […]. Abgesehen von der unnützen Zeitvergeudung für die Anfertigung
dieser Verzeichnisse stellt diese Arbeit insbesonders an die grösseren Ortsgruppen Anforderungen, die
mit deren finanziellen Lage nicht in Einklang gebracht werden können“ ; ebd., Kt. 1396, 7291/1922, LV
Steiermark an BMfsV v. 7.3.1922.
64 Ebd., Kt. 1395, 5098/1922, Akt v. 17.2.1923.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918