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518 Statistik der Kriegsopfervereine
Zuweisung eines Fixbetrages zufrieden geben, den er nicht überprüfen, geschweige
denn beanstanden konnte.77
Ein letzter Zahlenvergleich soll die Ausführungen über die Mitglieder der Kriegs-
opferverbände abschließen. Die aus den Jahren des autoritären Regimes stammenden
Angaben sind zwar mit Vorsicht zu betrachten, doch es ergäbe keinen Sinn, davon
auszugehen, dass die Organe der regierungstreuen Verbände ihre Mitgliederzahlen
absichtlich untertrieben hätten. Der 1934 als Einheitsverband geschaffene, letztlich
aber gescheiterte Österreichische Kriegsopferverband vertrat 1935 eigenen Angaben
zufolge österreichweit 60.000 Mitglieder.78 Der schließlich seit seiner Einrichtung im
Juli 1936 das Feld wirklich allein beherrschende Einheitsverband zählte Mitte 1937
73.000 Mitglieder.79
Stellt man dieser letzten Zahl jene 198.000 Mitglieder gegenüber, die allein der
Zentralverband Anfang 1922 in seinen Reihen versammelt hatte, so kann man die vor-
sichtige Behauptung formulieren, dass sich die Gruppe der in Vereinen organisierten
Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen innerhalb von 15 Jahren auf ein Drittel
verringert hat.
15.3 Resümee
Zusammenfassend lässt sich trotz der problematischen Quellenlage sagen, dass sich
Kriegsbeschädigte, die sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit in großer Zahl in
Vereinen organisierten, vor allem dem Zentralverband anschlossen. Er vertrat Anfang
1922 198.000 Personen, was wahrscheinlich auch als Höchststand gelten kann. Der
Organisierungsgrad war in Ostösterreich bedeutend höher als im Westen des Landes,
und er nahm im Laufe der Jahre wieder stark ab. Die Öffnung der Vereine gegenüber
den Witwen begann erst in den ersten Monaten des Jahres 1919. Insgesamt dürften
die weiblichen Mitglieder des Zentralverbandes ein Drittel des Mitgliederstandes aus-
gemacht haben. Nur in Tirol und Vorarlberg gab es eigene Witwenvereine.
77 „Eine Niederlage des ‚Reichsbundes‘. Dennoch ungerechte Entscheidung gegen den Landesverband“, in :
Der Invalide, Nr. 6/7 v. Juni/Juli 1933, S. 1f.
78 Von 61.000 ist Ende 1935 die Rede ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1505, 52201/1935, Denkschrift
der Landesführer v. 28.11.1935. Der Aufteilungsschlüssel, der jetzt diesen Verband vor dem Reichsbund
bevorzugte, wurde willkürlich mit 80 zu 20 festgesetzt ; „Der neue Schlüssel 80 :20“, in : Oesterreichs
Kriegsopfer, Nr. 5/6/7 v. Mai/Juni/Juli 1934, S. 13 ; „Zahlen beweisen“, in : ebd. S. 15.
79 „Ein Jahr Einheitsverband“, in : Österreichische Kriegsopferzeitung/ Einheitsverband, Nr. 7 v. Juli 1937,
S. 1f. 44.700 waren es angeblich noch im Herbst 1936 gewesen ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1511,
96366/1936, Bericht über die dritte Tagung der Bundesleitung am 24./25.9.1939.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918