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wirft, her: „Bleich, schwarzes Haar, öster-
reichische Physiognomie, angenehmes Lächeln,
trüb, verschlossen, geht viel mit Philistern
um (!) , grollend, ewig bewegte Phantasie,
aus Furcht Patriot (!) , classisches Wissen
und Studium, wenig Erfindung in seinen
Dramen, aber viel Poesie, geliebt und geach-
tet, bereits unfruchtbar l !ü) , zerfallen mit
sich selbst und unthätig; Hagestolz.") — Noch
fügen wir die in L. von Alvenslebens
„Biographischem Taschcnbuche" (Leipzig 1837,
I6°.) I I . Jahrg. S. 92 enthaltene und in
E. N. Oe tt ingers Journal „Argus" (Ham-
burg, schui.4°.) 1337, Nr. 96 wieder gedruckte:
„Federskizze" hier bei: „Auf den eisten An-
blick, besonders in einiger Entfernung, nnbe-
dentend. Er ist mittelgroß, hat eingefallene
Wangen, die Gesichtsfarbe der Lebertranken,
tiefe Schwermuth spricht sich in seinen Zügen
aus, die sich aber im Gespräche schnell und
wunderbar beleben und den Dichter von glü-
hender Phantasie, welcher der deutschen Sprache
ihre süßesten Laute abzugewinnen wußte, er-
kennen lassen, doch bleibt ihnen eine gewisse
Aengftlichkeit, die Furcht verletzt zu werden,
unverkennbar aufgedrückt; man fühlt, daß
dieser Mann tausend Fühlhörner hat, daß
jede noch so leise Berührung ihn tief ver-
wundet: er ist eine Sensitive. Sein Anzug
ist wohlgeordnet, ohne gesucht Zu sein; er
trägt eine Brille.") — Cajetan Cerri in der
„Iris" vom Juli 1850 zeichnet folgende Sil-
houette des Dichters: „Eine eigenthümliche
stille, anspruchslose, fast unscheinbare Erschei-
nung; kleine, etwas gebeugte Gestalt mit
einem ovalen, ein wenig nach der Seite hän-
genden Kopfe; kurzes, graues Haar; kurze
Stirne; freundliche, tiefgeprägte Züge; sanfter
Blick; dunkles, lebhaftes Auge; schlichter und
altmodischer Anzug: im Benehmen äußerst
gemüthlich, treuherzig, bescheiden, ja fast scheu;
seine Gutmüthigkeit und Zuvorkommenheit
mit Allen, namentlich aber mit auftauchenden
Poeten, sind sprichwörtlich gewcrdcn, und
haben bereits viele schöne, junge Talente
unterstützt, aber auch manche Unberufene zur
Selbstüberschätzung verleitet; sein Gespräch
ist höchst belehrend, lebendig, geistreich und
klar; man sieht es gleich, daß man es mit
einer großen, fertigen Individualität zu thun
habe, die mit sich selbst abgeschlossen hat;
Anfangs erscheint er etwas wortkarg und kalt;
aber gelingt es uns sein Vertrauen zu g<!wiw
nen, so wird sein Wort zu einem frischen,
sprudelnden Quell, und sein Gemüth offenbart
sich als ein unendliches Meer, das uns gern
in seine perlenreichcn Tiefen senken läßt. Er
bleibt am liebsten allein, und spricht sehr oft mit sich selbst; kein Bart; trägt sehr selten
Augengläser; macht jeden Abend seinen ein-
samen Spaziergang, gewöhnlich mit den Hän-
den am Rücken und in tiefen Gedanken ver-
loren; bei Kleidern, Speisen, Vergnügungen
— kurz, bei allen Erfordernissen des äußer-
lichen Lebens ungemein genügsam und mit
Allem zufrieden; als Mensch ein reiner cou-
sequenter Charakter, und die Ebrenhaftigkeit
selbst; in der literarischen Welt unstreitig der
erste österreichische Dichter, der noch in der
vormärzlichen Zeit Oesterreichs Literatur ge-
genüber dem übermüthigen Auslande muth-
voll und siegreich vortrat."
II.ZurKntikseinerVichtuugen.») Allgemeines.
Berliner Figaro. 1830, Nr. 237 (9. October):
„Das Dichter-Quintett Müllner, Houwald,
Grillparzer, Immermann und Raupach" ste-
streitet Gri l lparzern die Gabe, antike
Stosse zu behandeln (!) und weist ihn auf
die Bahn des geschichtlichen Drama). —
Seidlitz (Julius Dr.), Die Poesie und die
Poeten in Oesterreich im I . 1836 (Grimma
1837, I . M. Gebhart, kl. 8".) I. Bd. S. 77
—88. l,Mehat Gri l lparzer", schreibt S.,
wie Shakspeare, Schil ler oder Grabbe
einer großen Zeit das Gewand seiner Dichtung
umgeworfen, doch darüber wollen wir nicht
mit ihm streiten — er lebt und dichtet in
Oesterreich. Ich glaube nicht zu irren, wenn
ich behaupte, er hätte seine Dramen zum
Munde gemacht, aus dem die Zeit große
inhaltschwere Worte zu uns gesprochen, wenn
er nicht wohl gewußt, daß die Censur schnell
ihre Hemmketten um das rollende Rad feiner
Nebe schlingen würbe. Seine südlich glühende
Romantik scheint uns ohnehin immer ein Ge-
heimniß zu verschweigen, mag sein, daß es
das Geheimniß feiner Brust ist, dessen Wolken
sich dunkelgrau an dem Himmel seiner spä-
teren Werke ablagern. Auch darin liegt eine
tiefe Eigenthümlichkeit feiner Poesie und seines
Wesens, und des Landes und der Religion,
der er angehört. Kein protestantischer Dichter
vermöchte das Geheimnißvolle so zu realisiren,
und auch wieder so in seine Charaktere zu
bannen, wie Gri l lparzer. Auch darin
schließt er sich den Spaniern an und ich irre
wohl nicht, wenn ich ihn den Tragöden des
Katholizismus nenne, in dessen tiefster Brust
ein neuer Calderon schläft... Der Lyriker
Gri l lparzer, kraftvoll, mächtig und ergrei-
fend in seinen Gedichten ist wenigstens
ebenso groß, als der Dramatiker.
Seine Dichtung ist subjectiv.") — Lorm
(Hieronymus), Wiens Poetische Schwingen,
und Federn . . . (Leipzig 1847, Grunow, 8°.)
S. 89—120. .Mne interessante literarisch-
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Füger-Gsellhofer, Volume 5
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Füger-Gsellhofer
- Volume
- 5
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1859
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 426
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon