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Zankn 304 Hanka
worden wäre. So aber erregten die Hul»
digungen und Beweise von Theilnahme,
mit denen Hanka überschüttet wurde,
einerseits, und der in seinem Glücke
über einen Fund, der die tausendjährige
Cultur der öechen sicherzustellen scheint,
sich fassungslos geberdende Stolz der
Nationalen andererseits, eine Opposition,
ebenso heftig, ebenso alle Schranken
überspringend, wie der Enthusiasmus
der Gegenpartei, und noch heute ruht
erstere nicht, alle Hilfsmittel und Beweise
der Wissenschaft in's Feld stellend, um
den Sieg in dieser merkwürdigen Frage
zu behaupten. Welchen hohen Werth man
aber auf diese angefochtenen Dichtungen
von allen Seiten legte, dafür geben einen
genügenden Beweis die vielen Ueber»
setzungen in allen lebenden Sprachen.
So wurde die Königinhofer Handschrift
bisher fünfmal in's Deutsche übersetzt
von Wenzel Alois Swoboda, Joseph
Mathias Grafen von Thun-Hohen»
stein, Siegfried Kapper. Joseph Wen-
zig und theilweise von Moriz Hart«
mann; in's Vlä mische von Ida von
Düringsfeld; zweimal in's Englische
von John Bowring und A. H. Wra«
tislaw; in's Dänische von P. 3.
Möller; in's Italienische von Felix
Francesconi; dreimal in's Fr an«
zösische von Edgar Quinet, Eich-
hof und Ida von Düringsfeld;
zweimal in's Russische von Minister
Schischkow und Nikolaus Berg; in's
Polnische von Lucian Siemiiiski;
zweimal in's Kroatische von Stanko
Vraz und Ignaz Berliö; ebenso oft
in's Serbische von Had^ic und
Slawko Zlatojevic; in's Kleinrus-
sische von Sroznewski und Halka;
in's Lausitz'sche von Smoler und
I.P. Jordan; dannm's Slovenische
und endlich in's Bulgarische, die leh.^ ten zwei von Ungenannten. Diese Zahl
der Uebersetzungen ist so groß — im Gan«
zen 26 — daß Hanka in die im Jahre
1832 veranstaltete Polyglottenausgabe
kaum die Hälfte derselben aufnehmen
konnte. Mit der Auffindung dieses
nationalen Sprachdenkmales war aber
auch das Signal gegeben, alle Archive,
Bibliotheken, Sakristeien, Burgverließe
in Böhmen zu durchforschen, die zu Bücher»
einbanden verwendeten Pergamentblätter
abzulösen u. dgl. m., was zur Auffindung
manchen Sprachschatzes führte, unter
andern zu der des altdeutschen Gedichtes
Merigarto, welches Hoffmann von
Fallersleben in Gemeinschaft mit
Legis-Glückselig herausgegeben hat.
Eben dieser Forschungseifer aber war mit
Veranlassung, die Echtheit des Fundes
zu verdächtigen, denn eine Frucht des»
selben war die Aufsindung des an die
mythische Libussa anknüpfenden Gedichtes
„2Htt«'n Fo^", d. i. Libuffa's Gericht,
welches zwölf Monate nach der Ent»
deckung der Königinhofer Handschrift,
aber noch vor deren Herausgabe in
geheimnißvoller Weise mittelst der Prager
Stadtpost an das böhmische Museum
gesendet wurde. Hanka, der sich der
Echtheit des Fragmentes nn't aller Wärme
annahm, erregte den Verdacht der Kritiker
nur noch mehr gegen sich, der selbst dann
noch fortdauerte, als er eine böhmische
Interlinearversion des Evangeliums Io»
hannes, angeblich aus dem zehnten
Jahrhunderte, veröffentlichte, welche er
auf einem Bücherdeckel gefunden zu haben
vorgab. Wer über die Einzelheiten die»
ser Funde und die aus Anlaß derselben
entstandenen Controversen in bündiger
und übersichtlicher Weise unterrichtet sein
will, den verweisen wir auf die im „ Tages»
boten aus Böhmen" im Jahre 1888 in
den Nummern 276, 233, 289, 292 und
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Habsburg-Hartlieb, Volume 7
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Habsburg-Hartlieb
- Volume
- 7
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1861
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 472
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon