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vertraut gemacht, in eine förmliche
geistige Einigung verwandelte. Im Jahre
1804, 17 Jahre alt, begab sich H. zum
Beginne seiner Berufsstudien nach Gör»
tingen; dort hörte er exegetische Collegien
bei Eichhorn, kirchenhistorische bei
Plank, Dogmatik bei Stäudl in ,
und griechische Alterthümer bei Heyne,
besuchte sehr fleißig die Bibliothek und
blieb daselbst bis 1808. I n die Zwischen,
zeit fallen ein Ferienausftug nach Hol«
land und ein Besuch der berühmten Abtei
St. Blasien im Schwarzwald, welch'
letzterer einen bleibenden Eindruck auf
den Jüngling machte, der eben daran
ging, sich dem Predigeramte zu widmen
und schon in jener Zeit — denn H. war
von evangelischen Eltern — zum katho-
tischen Glauben sich hingezogen fühlte.
Nach abgelegtem Eramm trat H. das
Predigeramt an und zugleich erschien
sein erstes Werk, die „Geschichte Theo-
dorich's" im Drucke. Mit dem Eintritte
in sein neues Amt wurden seine Bedenken,
ob der Protestantismus jene höhere Mis-
sion, die ein positives Glaubenssyftem zu
erfüllen habe, überhaupt zu erfüllen im
Stande sei, immer nachhaltiger und ge-
wichtiger. Bald darauf wurde H. auf eine
Landpfarrei verseht, welche er 1810 mit
einer neuen, näher bei Schaffhausen gelege»
nen. vertauschte. Bei seinen Wissenschaft»
lichen Vertiefungen in die alte Geschichte, in
die Einfachheit ihrer Sitten und Bräuche,
wurde ihm der alleS verflachende Geist
seiner Zeitgenossen immer widerwärtiger
und aus jener Zeit datiren seine Vor»
bereitungen zu emem Angriffsplane gegen
das sich immer mehr verbreitende Schlag-
wort: „Es paßt nicht mehr für unsere
Zeit", und Hurter's ganzes künftiges
Leben ist ein Feldzug gegen diese Phrase.
Die politischen Ereignisse deS Jahres
1813 drängten H. auch auf das Gebiet der Publicistik, er arbeitete an dem 1814
begründeten „Schweizerischen Correspon-
denten", an dessen Herausgabe er durch
20 Jahre hindurch den größten Antheil
hatte, und in welchem sich sein glühender
Haß gegen Napoleon den „Weltver«
wüster" kund gibt. Inzwischen war H.
in seinem Amte erfolgreich thätig, nahm
die Geistlichkeit gegen das siebedrückende
Steuergesetz des Cantons in einer mit
aller Gründlichkeit gearbeiteten Denk»
schrift in Schutz, wodurch er viele Freunde
unter seinen Collegen gewann, nahm
nicht unwesentlichen Antheil an den
Schulreformen des CantonS, hintertrieb
die Beseitigung des Heidelberger Kate«
chismus und begann die Vorstudien
zu feinem „Innocenz I I I . " Auch fallt
in diese Zeit sein offenes und heimliches
Auftreten gegen die religiösen Spiegel»
fechtereien der Frau von Krudener,
die im Frühjahr 1817 die Schweiz zum
Schauplatz ihrer wandernden Predigten
gemacht, vielen Anhang gefunden hatte,
bis sie des Landes verwiesen wurde,
worauf sie in dem benachbarten Baden
ihren Unfug von vorne begann. Am
3. September 1824 wurde H. zum
zweiten Vorsteher der Geistlichkeit in
Schaffhausen erwählt und vertauschte
nun seinen bisherigen Landaufenthalt
mit dem in der Stadt. I n seiner neuen
Stellung nahm H. auch Antheil an den
politischen Bewegungen deS Cantons und
war ein energischer Vertreter der Partei,
welche den nöthigen Reformen das
geschichtlich und rechtlich Bestandene wie«
der zu Grund legen wollte. Aber als
die Revolution Ende 1830 in Frankreich
auöbrach und die Bewegungspartei ihre
Sendlinge auch in die Schweiz geschickt,
blieb auch der Canton Schaffhcwsen nicht
verschont, und indem H. sich von aller
Betheiligung an den gewaltthatigen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Hibler-Hysel, Volume 9
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Hibler-Hysel
- Volume
- 9
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1863
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 518
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon