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kohn 297 Kohn
Freunden des Fortschritts Anklang fand.
wurde sein Antritt auf den Frühling
4844 angesetzt. I m April 1844 traf er in
Lemberg ein. Hier aber stellten fich seinem
Reformwerke von vornherein nicht geringe
Hindernisse entgegen. Die Altglauder —
die orthodoxe Partei deS Iudenthums,
diejenigen, die im christlichen Evangelium
als die Pharisäer auftreten — wollten
von Neuerungen durchaus nichts wissen.
Kohn fühlte es sehr wohl, er muffe den
Boden für den Acker, wenn er Früchte
bringen sollte, neu bebauen, und so drang
er vor Allem, um der großen Unwissen«
heit zu steuern, die in diesen Kreisen
herrschte, auf Errichtung einer Schule,
und schon 1843 wurde die israelitische
Normalschule eröffnet. Die Früchte blie»
ben nicht aus, die männliche wie die
weibliche Jugend machte sichtliche Fort»
schritte. Als im Jahre 1846 die neue
Synagoge erbaut wurde, hielt er gewöhn»
lich dort seine Predigten, weil sich dort
auch die Fortschrittspartei, auf deren
Kosten die Synagoge erbaut worden
war. zu versammeln pflegte. Auch erhielt
er um diese Zeit das Kreisrabbinat.
Sein Ansehen wuchs in der Gemeinde
und vor der Obrigkeit; aber die Zeloten
der Orthodoxie haßten und verfolgten
ihn offen und heimlich, llm seine Glau»
benSgenoffen auch äußerlich den übrigen
Confessionen gegenüber in eine der Töle«
ranz entsprechende Stellung zu bringen,
so sehte er sich die Aufgabe, die Israe-
liten von den drückenden Steuern, mit
welchen das Koscherfleisch und die Sab«
bathlichter belegt waren, zu befreien. Zu
diesem Zwecke sehte er sich mit den
Häuptern mehrerer anderer Gemeinden
in Verbindung und im Herbste 1847,
wie im Frühlinge 1848 verfügte sich eine
Deputation der Israeliten, an deren
Spitze K o h n stand, nach Wien, um die Erlaffung der genannten Steuern, bei
deren Erhebung sich den Cultus entwür-
digende Zwischenfälle ergaben, zu bewir«
ken. Erfolgte die Aufhebung auch nicht
unmittelbar, so war sie doch, als sie ein
Jahr später stattfand, vornehmlich sein
Werk. Wahrend aber das Vertrauen zu
ihm in der Gemeinde sichtlich wuchs,
wurden die Verfolgungen der Anhänger
des Alten tmmer erbitterter; bald kannten
Neid und Fanatismus keine Grenzen
mehr. Eine Gegenpartei trat, auf und
behauptete, die abgeschafften Steuern
seien gar nicht drückend und ihre Ab-
schaffung nicht nothwendig. Durch per»
sönliche Insulten suchten sie dem Rab«
biner seinen Aufenthalt in Lemberg zu
verleiden', endlich als alle ihre Ausschrei'
tungen sie zum erwünschten Ziele nicht
führten, brachten sie falsche und lächerliche
Anklagen bei Gericht vor. Um das Hirn»
tolle Vorgehen dieser Orthodoxen einiger-
maßen verständlich zu machen, so sei hier
eine der Beschuldigungen mitgetheilt, die
ihm schwer zur Last gelegt wurden.
„Warum, fragte ihn einer dieser Weisen,
trage er Samstags sein Schnupftuch
in der Tasche und binde es nicht um
den Leib, wie es ein wahrhaft frommer
Mann zu thun pflege?" Die Angriffe
dieser Unheilbaren und die daraus ent-
springenden Unannehmlichkeiten wurden
bei Kohn reichlich aufgewogen durch
das wachsende Vertrauen des besseren
Theiles seiner Gemeinde, durch die Liebe
und Achtung, die ihm die wahrhaft Ge«
bildeten zollten. Ja einer der Verfolger
wurde wegen böswilliger Verleumdung
und Aufreizung des Volkes gegen Kohn
gerichtlich eingezogen. Kohn verschaffte
ihm durch persönliche Fürbitte die Freiheit
wieder. Diese eine That Kohn'S möge
für viele sprechen! Da nun alle Ränke
der Fanatiker in Nichts zerfielen, so bot
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Klácel-Korzistka, Volume 12
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Klácel-Korzistka
- Volume
- 12
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1864
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 528
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon