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Franz Xaver. I m Hause deS Vaters
herrschte Mangel, und Franz mußte
fünf Jahre den Sommer über das Vieh
hüten und im Winter Brot betteln, und
Nachts spinnen. Als Franz 9 Jahre
alt war, starb sein Vater, und die Mutter
zog mit ihrem reichen Kindersegen zu
ihrem Bruder, dem Hofbildhauer Io>
hann St räub nach München, der den
Knaben sogleich zu sich in die Lehre
nahm. I n kurzer Zeit machte derselbe
zur Freude seines Lehrers schöne Fort-
schritte und bekundete .ein sichtliches
Talent in der Kunst, zu deren Erlernung
mehr Zufall als Absicht mitgewirkt hatte.
St räub ließ nun auch dem Knaben volle
Freiheit, und dieser begann die verschieden»
artigsten Gegenstände aus Erde zu for.
men, dabei vernachlässigte er die Lectüre.
namentlich solcher Bücher, nicht, die mit
seiner Kunst einigermaßen in Verbindung
standen. Besondere Freude empfand er
an anatomischen Werken, zu deren Stu°
dium er oft Nachte opferte, und sich so
in dieselben vertiefte, daß er darüber den
Mittagstisch vergaß. AlS M. achtzehn
Jahre alt war. ließ ihn sein Oheim fort, und
M. begab sich zu einem anderen Bruder
seiner Mutter, der in Gratz lebte, dort
blieb er zwei Jahre; da sich ihm aber
daselbst für die Ausübung seiner Kunst
keine günstigen Ausfichten zeigten, begab
er sich nach Wien, mit dem Entschlüsse,
sich an der dortigen Akademie der Künste
vollends zum Bildhauer auszubilden.
An der Akademie lenkte er durch seine
außerordentliche Geschicklichkeit im For«
men, wobei er der Natur in einer Weise
nahe kam, wie kein anderer seiner Mit»
schüler, die Aufmerksamkeit deS damali»
gen Akademie-Directors auf sich. Auf
Selbsterhaltung angewiesen, brachte er
sich anfänglich sehr kümmerlich durch,
stählte aber durch Entbehrungen seinen Körper und eignete sich eine Genügsam-
keit an, die ihm bei seinem vorherrschen-
den Künftlerstolze spater vortrefflich zu
Statten kam. Indessen nahm sich auch
Director MeytenS. als er die Fort«
schritte, welche M. machte, gewahrte,
seiner mit Vorliebe an, und verschaffte
ihm eine kleine Anstellung, die ihn we«
nigstens vor Noth sicherte. M. kam als
sogenannter Stuckverschneider in das
k. k. Zeughaus. I n dieser Zeit vollendete
er die schöne, sieben Schuh hohe Statue
der Kaiserin Mar ia Theresia in
ungarischer Tracht, welche noch immer
im Belvedere aufgestellt ist. Mit seinen
Ersparnissen und einer durch MeytenS
bewirkten Unterstützung deS kais. HofeS
unternahm er nun im Jahre 1768,
damals bereits 33 Jahre alt, die Reise
nach Rom. In dieser neuen, den Kunst,
ler fesselnden und seinen Geist förmlich
berauschenden Welt wurde ihm, wenn er
zu arbeiten ansing, die Zeit zu wenig.
Er wollte Alles machen, alle die Herr»
lichen Werke nachbilden, und in der
That copirte er aus Lindenholz mehrere
der berühmtesten Statuen in einer Höhe
von anderthalb bis zwei Schuh, mit
einer Leichtigkeit und Genauigkeit, daß er
die Bewunderung Aller erregte, die ihn
bei seiner Arbeit beobachteten. Dabei
zeigte sich schon damals in seinem ganzen
Wesen jene Naturwüchsigkeit, aus wel»
cher der spätere Sonderling sich heraus«
bildete. So lebte er in Rom in der ein«
fachsten Weise und ging fast inTaglöhner«
tracht umher; den Klotz Lindmholz auf
der Schulter, ging er damit dorthin, wo
er eine Arbeit vorhatte. Wer ihn nicht
kannte, blieb verblüfft stehen, wenn er
ihn nun vor einer antiken Statue den
Klotz niederlegen und ohne Tasterzirkel
und sonstige Werkzeuge als einfache
Schmtzrneffer mit einer kaum glaublichen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Maroevic-Meszlenn, Volume 17
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Maroevic-Meszlenn
- Volume
- 17
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1867
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 506
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon