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neben dieser materiellen Kraft auch di
geistige Ueberlegenheit, selbstständlges
Nachdenken über alle Zweige der Kunst
tiefes Eindringen in das Wesen dersel
ben, verbunden mit einem unerschöpflichen
Schatze freundlicher Gemüthlichkeit und
hellsprudelnden Humors, und schon nach
der ersten Begrüßung schien es, als kenne
man den Mann schon von alten Zeiten
her und dürfe ihn nicht mehr von sich
lassen." So Karl Vogt über ihn. Es
leben im Munde seiner Schüler und der
ihm nahe gestandenen Freunde eine Menge
ganz köstlicher Züge auS seinem Leben,
die in entsprechender Zusammenstellung
ein Original > Charakterbild darböten.
Manche davon illustriren sein Denken
und Sinnen in treffendster Weise. AlS er
im Jahre 1847 den verstorbenen Dänen
könig Christian VI I I . , die Gräsin
Danner und mehrere Hofwürdenträger
gemalt, war man, da seine Bilder die
Bewunderung des Hofes erregten, dar«
auf bedacht, den Künstler in irgend einer
Weife auszuzeichnen. So wurde denn ein
Kammerherr abgeschickt, der ihn auöfor»
schen sollte, ob ihm ein Titel oder ein
Orden mehr zusagen würde. Rahl er>
theilte dem Abgesandten folgenden Be>
scheid: „Ein Titel ist für mich ohne
Werth und mit dem Dannebrog dürfte
ich mich in Deutschland nicht blicken las»
sen. Wenn mir aber der König eine
Freude machm will, so möge er meinem
dänischen Schüler in Rom sein Reise»
stipendium verlangern." Man gewährte
dem Künstler diesm Wunsch, verabschie.
dete ihn aber !n nicht sehr gnädiger
Weise vom Hofe. Mit welchen Schrote»
rigkeiten der Künstler mit seinen geläu»
terten Kunstanschauungen gegenüber dem
«süßen Pöbel" der Kaiserstadt zu käm-
pfm hatte, erhellet aus der folgenden, von
Rahl selbst erzählten Thatsache, welche die Angelegenheit der Arsenal > Aus»
schmückung viel wirksamer beleuchtet, als
das oben erwähnte Dementi der „Wie»
ner Zeitung". Rahl kam fast unmittelbar
vor dem Ausbruche deS italienischen Krie«
ges auf der Reist nach Griechenland, wo
er in Athen daä neu zu errichtende Uni»
versitätsgebäude mit Fresken zieren sollte,
zu Vogt auf Besuch. Er zeigte dem
Freunde Photographien der großartigen
Entwürfe, die er für Ausschmückung des
Arsenals in Wien gemacht hatte und
deren Annahme, wie schon erzählt wor-
den, im letzten Augenblicke verweigert wor»
den war. „Du glaubst nicht, begann
Rah l , welche Schwierigkeiten ich dabei
zu überwinden hatte. Diese Oesterreicher
haben beständig Krieg geführt, und wenn
man die Sache beim Licht betrachtet, so
haben sie nur deßhalb gesiegt, weil sie
mehr Schläge aushalten konnten, als
ihre Gegner. DarauS soll man nun
Siegesfresken machen! Und dann die
Häkeleien um Nebendinge! Da wcir es
mir einmal gelungen, irgend einen Erz»
herzog in den Mittelpunct eineö Bildes
zu stellen, natürlich, auf weißem Rofse!
Das weiß daheim jedes Kind, daß helles
Roth und reines Weiß die leuchtendsten
Farben sind, welche zuerst die Blicke auf
sich ziehen, und daß im Vatican auf dem
Rafael'schen Bilde Kaiser Constan»
t in, der Sieger, nicht umsonst auf einem
Schimmel sitzt. Aber den Höllenspectakel
hättest du sehen sollen, den mein erzher^
zoglicher Schimmel unter all' den Epau»
letten machte! Ich wußte gar nicht wa»
rum? Bis ich endlicb erfahre, daß in der
k. k. Armee nur die Trompeter auf wei»
ßen Pferden reiten. Sage nun selbst, wie
es möglich ist, solchen'Kunstbegriffen ent-
sprechende Bilder zu malen? — Gibt's
Krieg? Glaubst du es wirklich? Jeder
vernünftige Mensch muß wünschen, daß
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Prokop-Raschdorf, Volume 24
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Prokop-Raschdorf
- Volume
- 24
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1872
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 450
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon