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modrrnen Sinne, welcher beliebige Modell
mühsam in künstliche Beleuchtung setzt, mi
dem Schneider und Maurer in Concurren
tritt, sondern im besten classisch, coloristische
Geschmacke, dessen Wiederbelebung jedenfall
sein Hlluvtocrdienst bleibt. Gerade diese reactio
näre Tendenz aber machte ihn drm Publicun'
wenig angenehm, das neuen Wein in neue,
Schläuchen liebt, während ihm Rah l da
gerade Gegentheil bot, um so mehr, als e
die Tugenden der classischen Kunst oft z>
Fehlern übertrieb. 2)enn es ist in der Art
jeder Reaction, daß sie vorweg nicht naiv
sein kann, wie die Zeit. die ihr vorschwebt
daß ihr die Ursprünglichkeit und Frische jene
abgeht, und damit auch meist der sittlich
Inhalt, der Glaube jener. — So erreich
denn auch Rahl die Liebe und Wärme, di,
Feinheit und Anspruchslosigkeit die künstle
rische Keuschheit der Empfindung, welch
feine Vorbilder, die Venetianer, so entzückend
machen, allerdings nicht, er wird nie so
individuell wie sie, seine Personen grabe
sich nicht so unauslöschlich in unser Gedacht'
niß, feine Männer sind nicht so geistreich
seine Frauen nicht so süß und holdselig wi,
nun, daß seinr Werke übrrall, zum Vergleiche
Haupt geleistet worden ist, ohne es doch je-
mals ganz zu erreichen, wird man leicht
ungerechter gegen ihn gestimmt, als selbst
gegen die, bei deren Werken Einem weder T i>
t ian noch Paul Veronese, überhaupt c!as>
fische Meister nicht im entferntesten einfallen.
Man vergißt dann vielleicht, daß er ihnen
doch oft nahe kommt, daß nicht wenig vom
Geiste jener herrlichen Periode allerdings in
ihm ist, daß er eine Fülle der üppigsten Le>
benskraft in seinen Gestalten auszugicße»
weiß, daß sie
neben so vielem Schwächlichen,
Sentimentalen und Magrrn wahrhaft wohl<
thuend durch ihre selbst oft brutale Gesund«
,heit wirken. — Allerdings ist hinter dieser
.Muth der Farbe, hinler dieser strotzenden
Fülle und gewaltigen Leidenschaft des ani.
malischen Lebens doch oft eine gewisse innere
Kälte fühlbar, die uns zeigt, daß Verstand
und Phantasie beim Künstler sehr viel mäch.
tiger sind, als Empfindung und Gemüth!
indeß finden wir diese Art von Naturell
auch bei vielen alten Meistern, vorab bei
Rubens , wie es denn unleugbar ist,
daß viel von der Unbändigkeit, der sinn»
iichen Lebensfülle desselben i» Rahl sich findet, und wenn er nicht so reizend, so in^
divibmll als jener ist, wenn er nicht seine
Frische und Gluth befitzt, so hat er dafür
mehr Bildung und Stylgefühl, Als monu»
tale Decoration auS der Ferne betrachtet,
wirkt fast Alles gut, was ich von ihm gese<
hen habe, und hierin dürfte ihn schwerlich
ein anderer deutscher Künstler erreichen. Sind
Rahl's Werke nicht eigentlich national zu
nennen, so spricht doch ein echter Wiener
auS ihnen. — In bedeutenden Menschen
spiegelt sich allemal die ganze Generation,
und so ist denn auch viel von der sinn»
lichen Genußlust, dem Mutterwitz und der
unverwüstlichen Frische, von der nicht eben
sehr tiefen, aber um so leichter erregbaren
Empfindung, von jener Abwesenheit jeder
Sentimentalität, die den Wiener kennzeich-
nen, vermischt mit der durchdringendsten In>
telligenz, ungewöhnlicher Kraft in derselben
zu finden, bisweilen ein wenig roh, noch
öfters aber auch großartig und imponirend
in nicht geringem Maße."
Rahl, Karl Heinrich (Kup fe r -
stechet, geb. im Dorfe Höfen in der
Nähe von Heidelberg im Württember-
gischen 11. Juli 1779, gest. zu Wien
2. August 1843), Sein Vater, ein Cat-
timdrucker, gab den Sohn zu einem Sil»
berarbeiter in die Lehre, wo er bald sein
Talent zum Zeichnen und Grauiren in
verschiedenen Arbeiten, namentlich aber
n einigen kleinen Versuchen radirter
Landschaften bekundete, Nr gab daher,
einem edlerem Dränge folgend, die bis'
herige Beschäftigung auf und widmete
sich ganz der Kunst. Er ging nach Heil"
bronn, wo ihm der Eigenthümer des
dortigen Industrie - Comptoirs, Karl
Lang, Beschäftigung gab. Tr arbeitete
ür dieses Institut Karten und Pläne,
ersuchte sich auch in der Punclirmanier,
?ach Wieland'S Porträt für einen
ülmanach Lan g'ö, dann jenes des Com-
ositeurs Ammon und mehrere V!g>
etten. Aber sein Drang sich zu bilden
nd in seiner Kunst zu ueruollkommen,
eß ihm keine Ruhe, und da es in Heil-
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Prokop-Raschdorf, Volume 24
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Prokop-Raschdorf
- Volume
- 24
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1872
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 450
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon