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tiefer Fügung, daß er das Publicum gewis»
sermaßen dupllte. Es gewährt zu vielen Reiz,
den Manipulationen seiner kunstfertigen Hand
zu folgen, als daß man sich im Allgemeinen
jener naturgemäßen Sprünge versähe, die für
das Volkslied nicht erfunden sind, sondern
sich consequent aus der Volksnatuc ergeben
haben, Rank bot der Schwierigkeit Trotz
und stürzte sich mitten in seine Welt. Er ist
sich des Naturmäßigen und seines Rechtes so
vollkommen bewußt, er beherrscht seinen
Stoff so sehr »ach allen Richtungen, daß er
denn auch mit diese»! Bewußtsein und dieser
Basis in aller Ruhe den Muth haben kann,
die Erscheinung als fertig hinzustellen, ohne
später für Erlnuterungen sorgen zu müssen.
Die Nalur erklärt sich selbst. Und sie tritt in
ihrer Wahrheit bei ihm so siegreich auf, sie
tritt dem Leser so fest und sicher entgegen, sie
packt ihn so unabweisbar, daß er gar nicht
auf den Einfall kommt, sich kritisch dagegen
zu sträuben. Sonach gelangen Au erb ach
und Rank auf verschiedenen Wegen zu deiw
selben Ziele, Wir können üder die subjcctiue
Weichheit, die er an seine Gestalten haucht,
ga»z wohl wegkommen, ohne einen allzw
schweren Tadel oder gar die Anklage auf
grobe Verfälschung des Gruntcharakters daran
zu knüpfen. Es ist eine richtige Wahrnehmung
Nank's, daß der unvermittelte, impetuöse
und in vieler Beziehung durch kein geistiges
Element im Gleichgewicht gehaltene Charak^
ttc de« Bauern zu intermittirenber Senti>
mentnlität neigt. Der Bauer ist ja reiner
Gefühlsmensch, Er kann neben hartnäckigster
Störrigkeit im ganzen Sinne des Worteö
sentimental sein — nur wird er in solcher
Stimmung nicht Phrasen seufzen, wie etwa
eine romantisirende Putzmacherin, Uebersehen
können wir bei Rank die reiche Färbung,
aber selbst dort, wo sie zu breit auftritt, weil
in den Eonsequenzen und Wirkungen doch
immer sofort wieder da« volle echte Dorf zu
Tage kömmt".
Die Hamburger „Jahreszeiten" schreiben
in einer längere» Charakteristik Rank's
über denselben, „Alle Welt weiß, daß Joseph
Rank »eben Verthold Auerbach stets als
gleichberechtigter Autor genannt und seine
Dorfgeschichten jeder Zeit denen jenes be-
rühmten Schriftstellers zur Seite gesetzt wor-
den sind. Georg Sp i l le r von Hauen-
schild hat diese beiden Dichler einmal sehr
ausführlich besprochen, und was er dem
Einen mehr an Kunst zusprach, dem Andern als stärker prononcirle Naturbegadung uin>
dicirt; eine Vindicirung, die wir in Rank's
„Geschichten armer Leute" auf da« Vlän<
zendsle, und Liebenswürdigste neu bekundet
und dargelegt finden können. Sie sind ein>
fach und schlicht, aber mit dem ganzen Reize
und dem vollen Zauber des Volkstones ge>
schrieben, d, h. nicht mit dem Volkstöne,
der äußerlich in der Sprache, sondern mit
jenem, der innecst im Geiste und der Auf<
fassungsweise der Sache athmet, 26 liegt
ein volle«, frische« Lebe» in diesen Geschich.
ten, ein gesunder, natürlicher Zug, ein Klang
des Herzen« und des Gemüthes, der unwi>
derstehlich anzieht und fesselt. Man hat Io>
seph Rank neuerdings mchrfach den Vor»
wurf gemacht, daß er sich oft zu lyrisch und
gefühlsweich auslasse u»d dadurch seinen
Arbeiten Eintrag thue. Die Sentimentalität
liegt etwas in der Luft unserer Zeit, und es
ist daher nicht gerade sehr zu verwundern,
wenn auch eine 'sonst gesunde Natur ein
wenig „von jener Vlässe des Gedankens an>
gekränkelt wird", die niemals zu loben, aber
doch zu ertragen ist, wo sie männlich und
mit einer gewissen cumpacten Innerlichkeit
gegeben erscheint, wie das in diesen „Ge>
schichten armer Leute" der Fall ist. „Ein
Scherz und seine Folgen", „Menschenhilfe",
„Peter der Raugraf" und „Werde nicht, wie
diese" sind Erzählungen, die als Meister»
stücke in ihrer Art gelten dürfen. 3ie Stoffe
sind prall aus dem 2ebe» herausgegriffen,
wacker behandelt, brau verwendet. Besonders
die zuerst angeführte Erzählung, die einen
bessere» und schlagenderen Titel verdient
hätte, kann für vollendet erklärt und in jede
Mustersammlung unserer Literatur aufgenom»
men werde». Sie gibt eine Dorf> und
Bauerntragödie in so ergreifender Weise und
mit so ternhaften Strichen, frischen Farben
und wuchtiger Katastrophe, daß Niemand
sie ohne Erschütterung und Rührunn zu le>
sen wird im Stande sein. Nirgend, selbst in
dem Unbedeutendsten der Sammlung docu»
mentirt sich etwas von jener Frivolität und
Larhcit der Vüchermacherei, die man heute
durch so viel tausend Beispiele belegt sehen
kann, Ueberall sieht man, daß Joseph Rank
von wahre». Dränge und dem echten Schö>
pfungsgeiste beseelt, zur Feder griff und auch
im Kleinsten noch eine gewisse Moral, eine
höhere Idee, eine leitende Tendenz seiner
Geschichte, zu», Grunde zu legen hatte. Er
schreibt, da« sieht man seinen Publicationen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Prokop-Raschdorf, Volume 24
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Prokop-Raschdorf
- Volume
- 24
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1872
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 450
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon